Wollust

von Nikolaus Werle
Mantegna: Minerva vertreibt die Laster ...

Andrea Mantegna (1431 - 1506), Minerva vertreibt die Laster aus dem Garten der Tugend, Louvre
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Ein Bild von Andrea Mantegna...

Minerva vertreibt die Laster aus dem Garten der Tugend (von Andrea Mantegna zwischen 1500 und 1502 gemalt, von Napoleon geraubt, hängt dieses Gemälde jetzt im Louvre), sie verjagt einen Haufen verkommener Gestalten, die jeweils für ein bestimmtes Laster stehen, aus einem abendlichen Garten. Prudentia, die Klugheit, war von den Lastern lebendig eingemauert worden. Man sieht ihren Kerker nicht, nur ein Schriftband kündet von der Schandtat. Die anderen Kardinaltugenden Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigkeit schauen der Befreiung ihrer Gefährtin vom Himmel aus zu. „Vertreibst du den Müßiggang, vergehen die Geschoße der Wollust!“ lautet ein Schriftzug zu Füßen der Göttin. Denn oft ist es die lange Weile des Nichtstuns, welche die Gedanken schweifen lässt und die verborgenen Begierden zum Leben erweckt.

Nur widerwillig verlassen die Laster den Garten. Teils erschreckt, teils entrüstet blicken sie zurück auf die Göttin der Vernunft. Am Ufer setzt sich eine Sippschaft bocksbeiniger Wesen in Bewegung. Ein weiblicher Satyr birgt ihre Säuglinge im Brusttuch, an der Rechten reißt sie ein älteres Kind der Unzucht mit sich. Ungestört konnte sich die Lüsternheit vermehren. Laster verwandeln die Menschen in monströse Mischwesen. Mitten im sumpfigen Wasser stapft ein braunschwarzes Wesen, den Affenkopf zornig umgewandt, eine weibliche Brust auf der linken Seite, weder Mann noch Frau, ein Lebewesen jenseits der Ordnung und der Moral. Über den Schultern trägt es kleine Beutel mit den Saatgütern des Bösen. Der Unterleib des Kentauren, der ebenfalls durch den Tümpel watet, ist übersät von den dunklen Flecken des Lasters. Daneben geht, offenbar ungerührt von den Ereignissen, ein Satyr mit erigiertem Glied, dessen Lust unersättlich zu sein scheint. Unbekümmert von all dem wiegt sich Venus auf dem Rücken des Kentauren. Mit lasziver Gelassenheit steht sie da, als ginge sie das Geschehen ringsum nichts an. Mit dem lächelnden Wissen der Unzucht verbirgt sie notdürftig ihre Scham. Sie weiß, sie ist die wahre Königin.

Mantegnas Gemälde bietet eine Allegorie (gr., αλληγορέω - „anders, d.h. bildlich, reden“) auf den Zustand der Welt. Wo einst Schönheit, Weisheit und Gerechtigkeit wohnten, da haben sich Laster und Hässlichkeit eingenistet. Unter der Herrschaft der Gleichgültigkeit, die scheinbar teilnahmslos weggetragen wird, hat sich der Mensch, der von Anbeginn an die Möglichkeit zum Guten wie zum Bösen in sich trägt, in ein sittenloses Triebwesen verwandelt. Ohne Abstand zu seinen Trieben verfehlt der Mensch seine Bestimmung. Nur eine kraftvolle Attacke der Vernunft vermag das Böse zu vertreiben. Doch die Eulen der Minerva, auch dies ist hier dargestellt, beginnen ihren Flug.

Haben wir heute aus den Erkenntnissen und Allegorien der Alten etwas gelernt? Nein. Anstatt den Menschen zu kritisieren, begnügt man sich mit Vorschriften für einzelne Handlungen. Statt sich den Neigungen zu widmen, welche Menschen zu Untaten verleiten, beurteilt man lediglich die Folgen ihres Verhaltens. Anstatt dem Individuum die Verantwortung für seinen Charakter zuzumuten, erklärt man es zum Spielball übermächtiger Kräfte, der Gesellschaft, der Gene, des Unbewussten. In den heutigen Zeiten kurzsichtiger Vergnügungen zählt die rasche Erfüllung der Begierden, nicht deren kritische Beurteilung. Nachdem man die Gleichgültigkeit zu allseitiger Toleranz camoufliert hat, wird für alles Verständnis aufgebracht. Gegenüber sich selbst sind die meisten Menschen sehr nachsichtig. Achselzuckend gestehen sie sich Lügen, Heuchelei, Eitelkeit, Habgier und Lüsternheit zu. Das, was man Gewissen nennt, ist ihnen bereits so fern, dass sie dessen Stimme kaum mehr vernehmen.

Doch innere Freiheit beginnt mit Selbstdistanz. Diese mag mühsam sein. Jederzeit ist es dem Menschen möglich, sich von falschen Gelüsten loszusagen und seine schlechten Vorlieben zu unterlassen. In jeder Sekunde kann er damit beginnen, sich seines Verstandes zu bedienen, seinen rücksichtslosen Ehrgeiz zu zügeln, seine Eitelkeit zu belächeln, seine Untertänigkeit und sein Im-Strom-Schwimmen zu beenden.

Weil ihm diese Verwandlung möglich ist, trägt er die Verantwortung für sein Handeln und seinen Charakter.

Das ist Wollust - einst...

Die Sünde der ungeordneten geschlechtlichen Begierde, Quelle und Wurzel vieler Verblendungen, ist ein Ergebnis des Sexualtriebs und der Selbstsucht. Die sexuelle Begierde erfüllt eine der wichtigsten Funktionen, sie sichert die Arterhaltung des Menschen, indem sie für Nachwuchs sorgt. Eine so essentielle Aufgabe erfordert einen starken Antrieb. Kaum ein Gefühl aus dem Köcher der Emotionen überwältigt daher den Menschen so sehr wie dieses - aber genau das ist das Problem. Das sexuelle Verlangen fegt oft ungestüm und unbeherrscht die Vernunft zur Seite und stürzt dann den Menschen ins Reich des Animalischen. Der Körper übernimmt das Regiment und drängt den Geist zurück.

Der Sexualtrieb ist nicht mit der Wollust zu verwechseln. Doch die Assoziation von Wollust mit Unreinheit und Ekel, mit den Listen des Teufels, mit Finsternis, Tier, Körper und schließlich Tod, Verdammnis und Hölle war seit der Antike fest verankert und allgegenwärtig.

In die Wollust mischt sich ein ganzes Bündel anderer Gefühle, denen der Mensch entsetzt oder entzückt und fast immer hilflos gegenübersteht. Nicht selten ist sie durchsetzt von Ekel angesichts eigener und fremder Körperflüssigkeiten, von Scham angesichts des Kontrollverlusts samt seltsamen Spasmen und Verrenkungen. Zugleich verspricht die Wollust die höchste Ekstase, die der Mensch zu erreichen imstande ist. Die Natur okkupiert ihn in seiner Gesamtheit und entschädigt ihn durch große Lust.



Aus den Weiten des www...

Die Begierde ist der dunkle Partner der Liebe, der nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist. Spaziert ein Pärchen innig umarmt durch einen Park, dann lächeln die meisten Menschen. Liebe erhält den Applaus der gesamten Welt. Über Paare, die im Gebüsch beim Geschlechtsakt erwischt werden, rümpft dagegen die Welt die Nase.

Die Wollust verdrängt alles andere, legt die Vernunft lahm und lässt keinen Platz für Frömmigkeit. Stets war es deshalb ein Anliegen vieler Menschen, die Wollust zu kontrollieren und zurückzudrängen.

Der griechische Philosoph Platon forderte die Einschränkung des Gefühls. Die Wollust sei schändlich, und den Vergnügungen der Sexualität zu erliegen sei deshalb eigentlich immer eine Art von Versagen.

Plinius der Ältere erhob in dieser Tradition den Elefanten zum Symbol der Tugendhaftigkeit. Die Dickhäuter, so fabulierte der Römer, kopulierten höchstens alle zwei Jahre, nur im Verborgenen und nie zu ihrem Vergnügen. Mann und Frau sollten den edlen Tieren nacheifern, wünschte sich Plinius. Auch Seneca forderte, der Wollust dürfe nur zur Zeugung nachgegeben werden.

Wortgewaltige Männer wie der Apostel Paulus priesen den sexuellen Verzicht als Ideal und Triumph über das animalische Wesen des Menschen - in maßlosem Übereifer entmannten sich sogar besonders fromme Männer. Berühmt ist in diesem Zusammenhang die dem Origines zugeschriebene Selbstkastration, des wohl bedeutendsten christlichen Philosophen und Theologen des dritten Jahrhunderts (185 bis 254).

Der Wollust nachzugeben erschien vielen als schlimmes Übel: Man befürchtete Schwachsinn, Schwund des Rückenmarks und allerlei andere Grässlichkeiten. Die Hysterie um die schrecklichen Auswirkungen der Wollust steigerte sich bis hin zu den Masturbations-Verhinderungs-Maschinen des 19. Jahrhunderts.

... und jetzt

In einem Buch des amerikanischen Molekularbiologen John Medina ist der moderne Blick auf die Wollust beispielhaft zusammengefasst: Sexuelles Verlangen lässt sich am besten als sichtbare Eigenschaft von wenigstens vier miteinander verknüpften physiologischen Systemen, mindestens elf verschiedenen Gehirnregionen, mehr als dreißig unterschiedlichen biochemischen Mechanismen und hunderten spezifischen Genen verstehen, die an diversen Prozessen beteiligt sind. Diese Beobachtungen führen dann zum Ergebnis, dass sexuelles Verlangen als ein Zustand beschrieben wird, in dem ein Individuum motiviert ist, Gelegenheiten zur sexuellen Aktivität zu suchen.

Exkurs zum heiligen Augustinus

Dieses Kapitel de luxuria wäre mangelhaft, würde nicht über den heiligen Augustinus gesprochen werden. Er hat das sexuelle Verlangen des Menschen so sehr mit seiner Lehre über die Erbsünde verknüpft, dass daraus einer der prägenden Grundsätze der europäischen Zivilisation entstand.

Aurelius Augustinus (* 13. November 354 in Tagaste in Numidien, heute Algerien; † 28. August 430 in Hippo Regius in Numidien, heute Algerien) ist einer der bedeutendsten christlichen Kirchenlehrer und ein wichtiger Philosoph an der Epochenschwelle zwischen Antike und Mittelalter. Er war zunächst Rhetor in Thagaste, Karthago, Rom und Mailand. Von 395 bis zu seinem Tod war er Bischof von Hippo Regius. Seine wichtigsten Werke sind confessiones und de civitate dei.


Joos van Wassenhove, Augustinus, 1474 -- Gérard Depardieu liest in der Kathedrale Notre-Dame von Paris aus den Confessiones des Augustinus

Augustinus erklärte die Begierde für schlecht, als Folge der Sünde und als Drang zu neuen Sünden. Völlig anderer Meinung war Bischof Julian von Aeclanum, der die sexuelle Begierde als die von Gott vorgesehene Antriebskraft aller Lebewesen bezeichnete und meinte, wer sie schlecht mache, verleumde den Schöpfergott. Augustinus lehrte, dass jedes neugeborene Kind - das nichts Böses tun konnte - aufgrund seiner libidinösen Entstehung derart mit Sünde und Schuld belastet sei, dass Gott es zur ewigen Strafe verdammt, wenn es nicht dem Satan entrissen, also getauft wird. Der Menschheit ganzer Jammer wurde hier ausgesprochen, die Misere des menschlichen Lebens wirkungsvoll in Szene gesetzt: Neugeborene als Erbsünder werden von Gott zu Recht ständig bestraft.

Resümee

So ergibt sich am Schluss dieser Überlegungen eine erste Bilanz zu den bisher besprochenen Todsünden. Wollust und die anderen Todsünden führen allein durch das egoistische Streben des Menschen zum Debakel eines ursprünglich Guten. Wir haben gesehen, dass das theologische Verständnis der Sünde als Grundvoraussetzung das Prinzip enthält, dass der Mensch durch seine Freiheit etwas Gutes zum Bösen wenden kann. So kann aus selbstbewusster Eigenliebe der Stolz, aus Freude am Besitz die Habsucht, aus Selbsterkenntnis der eigenen Schwächen der Neid und aus dem Genuss der Sexualität die hemmungslose, selbstsüchtige Wollust werden, weil der Mensch seinem Egoismus verfällt. Allerdings gesellt sich zu den bisherigen Analysen die Gewissheit, dass biographische Prägungen weitreichende Folgen haben können, wie die Dämonisierung der Sexualität durch Augustinus zeigt...



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