Über Zorn & Grausamkeit

von Nikolaus Werle

Versuch einer Beschreibung des Zorns

In den ältesten Wortverzeichnissen und Glossarien gibt Zorn das lat. ira wieder. Als ursprüngliche Bedeutung dürfte aber nicht die Gemütsbewegung anzusehen sein, sondern Kampf und Streit mit Taten und Worten, der mit der entsprechenden Erregung verbunden ist, dem Hass nicht unähnlich. Erst allmählich wurde der Begriff auf das seelische Gebiet eingeschränkt.

Wie erscheint uns der Zornige? Ärger erfasst ihn und zerreißt ihm fast die Brust. Blässe überzieht sein Gesicht, die Hand ballt sich zur Faust, finster starrt er dem Widersacher entgegen. Auf einmal ist jede Müdigkeit verschwunden. Die Augenbrauen ziehen sich zusammen, ein scharfer Zug nagt an den Lippen. Es ist, als springe das Gesicht zum Angriff nach vorn. Kurze Atemstöße fahren aus der Lunge, Schweiß überzieht die Stirn. Untrüglich sind die Zeichen des Zorns. Ein jeder kennt sie, ein jeder fürchtet sie. Der Körper kocht. Ohne Zustimmung des Geistes bricht der Zorn los. Er kennt keine Vergebung und auch keine Versöhnung. Sein Schrei zerfetzt jeden anderen Laut. Zerstörung ist sein einziges Ziel, Vernichtung seine wahre Erfüllung.

Groß und stark

Viele Gefühle kann der Mensch in sich begraben. Die Masken, in die wir schlüpfen, verbergen unsere wahren Absichten und üblen Neigungen. Täuschung und Selbstbetrug gehören zum Alltag unseres Lebens. Der Zorn jedoch sucht sich seine Bahn, Wut bricht mit Getöse hervor, sogar der Ärger ist dem Menschen ins Gesicht geschrieben. Von den Affekten der Feindseligkeit ist der Zorn der gefährlichste. Er will auf das Opfer losgehen und es vernichten.

Die Zeit des Zorns beginnt mit einer Verärgerung. Nach und nach breitet sich eine Missstimmung aus und verdunkelt die Atmosphäre. Der Affekt übernimmt die Regie. Ein Wort gibt das andere und so öffnen sich die Schleusen zu Handgreiflichkeiten. So können sich ungeahnte Kräfte entwickeln. Der Zornige spürt in sich einen Zuwachs an Kräften, von denen er nicht ahnte, dass sie in ihm schlummern. Wer den Großteil seines Lebens in geduckter Haltung verbringt und ständig von Zweifel und Fügsamkeit geplagt war, der wächst im Zorn unverhofft über sich hinaus. Was von außen als Drohgebärde erscheint, erfährt der Zornige als rasantes Wachstum an Energie, Entschlossenheit und Selbstvertrauen. Der zornige Mensch fühlt sich größer und stärker. Er dominiert die Situation. Zorn befreit von allen bisher eingehaltenen Einschränkungen, Rücksichtnahmen und Konventionen.

Ursachen

Es gibt viele Gründe, die einen Menschen in Rage versetzen. Keineswegs ist der Zorn nur eine Antwort auf eine Verletzung, eine Störung oder ein Unrecht. Zorn hat nicht notwendigerweise mit erlittenem oder vermeintlichem Unrecht zu tun. Wer nach dem Geständnis seines treulosen Partners in Zorn gerät, der tut dies nicht, weil jener das Gebot der Treue verletzt hat, sondern weil der Betrogene sich persönlich hintergangen oder verraten fühlt. Der Autofahrer, der nach einem Unfall mit den Fäusten auf den anderen losgeht, fühlt sich nicht als Verteidiger der Straßenverkehrsordnung, sondern zeigt seinen Unmut wegen seines ramponierten Fahrzeugs oder weil ihm der andere in die Quere gekommen ist.

Menschen neigen dazu, die eigenen Untaten mit den Missetaten der anderen zu rechtfertigen. Ermahnt ein Lehrer einen Schüler wegen irgendeiner Unkorrektheit, lauten die am häufigsten gebrauchten Erwiderungen: „Ich war’s nicht“ und „Der andere hat angefangen“.

Meist steht der Zorn in keinem Verhältnis zur Sache, welche ihn auslöst. Er pflegt über den Anlass hinauszuschießen. Auch beim Zorn hat die Einbildungskraft Vorrang vor dem Realitätssinn. So mancher fühlt sich tief verletzt, ohne dass ihm übel mitgespielt wurde. Andere wieder brausen niemals auf, obwohl sie jeden Grund dazu hätten. Es ist daher irreführend, dem Zorn einen Rechtswert anzudichten. Dass Götter ihre missratenen Geschöpfe gelegentlich mit globalen Katastrophen heimsuchen, rechtfertigt keineswegs einen sogenannten heiligen Zorn, sondern zeigt bloß den göttlichen Ärger über die eigenen Fehlprognosen.

Im Rahmen einer Studie wurden im Juli/August 2009 insgesamt 722 Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren, repräsentativ für ganz Niederösterreich, befragt. Zwischen 15 und 16 Jahren haben die Jugendlichen im Durchschnitt schon jene Erfahrungen gemacht, die dann beibehalten werden. Das Einstiegsalter beim Rauchen liegt bei 13 Jahren, jenes bei Cannabis und Alkohol bei 14 Jahren. Ein Drittel der Befragten insgesamt (bzw. die Hälfte der 17- bis 18-Jährigen) raucht regelmäßig, 80 Prozent davon nicht nur sporadisch. Alkohol konsumieren zwei Drittel regelmäßig, allerdings gemäßigt (zu 80 Prozent gelegentlich). Das Rauschtrinken ist bei Burschen deutlich weiter verbreitet. Bei der Getränkepräferenz liegen Alkopops mit rund drei Viertel an der Spitze, bei Burschen gefolgt von Bier. Hinsichtlich illegaler Substanzen haben 7 Prozent schon Cannabis konsumiert, 50 Prozent davon allerdings nur einmal. Insgesamt haben 10 Prozent bereits irgendeine dieser Substanzen probiert. Dabei zeigt sich, dass der direkte Zugang - ohne den „Einstieg“ Alkohol oder Nikotin - sehr selten vorkommt. Die Gefahreneinschätzung schließlich liegt bei illegalen Substanzen bei 90 Prozent, bei Alkohol bei 30 Prozent und bei Nikotin bei 40 Prozent, wobei die Einschätzung der Gefahr mit dem Alter signifikant abnimmt, ganz besonders im Hinblick auf Alkohol.

Zorn strebt kein friedliches Ende und keinen Ausgleich an. Er will Rache, Vergeltung, Vernichtung. Dieser enormen Destruktionskraft beugen die Menschen durch Institutionen vor. Das Recht dient dazu, die Rache in geregelte Bahnen zu lenken. Private Feindschaften werden in die Form des Sachstreits gegossen, der notfalls vor Gericht ausgetragen wird. So gibt es viele Formen gesellschaftlicher Beschwichtigungen, die versuchen das Potenzial der menschlichen Destruktivität zu zähmen. Die Marktwirtschaft kultiviert Rivalitäten. Ärger über Ausbeutung und Abhängigkeit werden in den modernen Wirtschaftssystemen durch preisgünstige Massengüter gemildert. Bildung und Kultur kühlen die Gemüter ab, indem sie die Menschen dressieren und zur Selbstkontrolle anhalten. Missmut über den Zustand der Welt darf in gebremster Weise problemlos artikuliert werden. Destruktive Energien werden in die Bahnen sportlicher Wettkämpfe und ihr Drumherum gelenkt. Das Bedürfnis nach Exzess und Entgrenzung wird von den populären Formen des Rausches befriedigt.

Unzufriedenheit als Motiv

Oft sind wir Menschen dadurch charakterisiert, dass wir zornig auftrumpfen, dann wieder resignieren, manchmal scharf analysieren und dann wieder in Melancholie versinken. Manchmal fühlen wir uns wie Helden, die sich schnell wieder in Grübler verwandeln, wie den andern weit Überlegene, die das Wissen gepachtet haben, oder wie Idealisten, die mit der Vermessenheit der alten Träume abrechnen und dennoch am Realismus der Gegenwart verzweifeln. Die Banalität unserer Gegenwart lähmt uns. So entsteht der Zorn auch aus der Erkenntnis unserer Mittelmäßigkeit und der Unfähigkeit, damit zurecht zu kommen. Aber oft sind wir gar nicht mehr zornig, sondern beleidigt. Dies passt auch besser zum Zeitgeist des Relativismus.


Alfred Kubin, Zorn

Grausamkeit

Manche lieben es, andere leiden zu sehen. Das Bitten und Flehen erheitert sie sogar. Grausamkeit zielt auf vollkommene, totale und absolute Macht. Sie spielt mit dem Schmerz, zersprengt jeden Eigensinn, nimmt ihrem Opfer den Eigensinn und am Ende auch das Leben. Der Grausame delektiert sich jedoch nicht am Töten, sondern an der Ohnmacht der Person und an der Verlängerung ihrer Pein. Den Tod betrachtet er als Kunstfehler, denn dann entgleitet ihm sein Opfer. Nur solange es am Leben bleibt, dauert seine Macht an. Wie es ihm gefällt, kann er sein Opfer schänden, mit Worten und Schlägen, mit Gesten, Geschrei, Gelächter und Gewalt.

Grausamkeit zielt auf eine umfassende Überwältigung. Ihre Macht will total sein. Nach Belieben kann Schmerz verstärkt oder verringert werden. So kann das Opfer bald keine Gedanken mehr fassen, es spürt nur noch Angst und Pein. Die Erinnerungen verblassen, die Hoffnung auf Hilfe schwindet. Als letzte Gewissheit bleibt ins Hirn gebrannt, dass nun alles möglich ist. Der grausame Charakter triumphiert über alle Bedenken, Skrupel und Ängste. In dem Ausmaß, wie die Einbildungskraft des Opfers zerstört wird, steigert sich die Kreativität des Täters. Immer neue Methoden fallen ihm ein. Die Vorstellungskraft des Bösen ist an keine Erfahrung gebunden, denn die Phantasie erschließt jene Welt, in der alles erlaubt ist.

Warum Zorn und Grausamkeit zusammenhängen

Der Zorn bildet die Grundlage für jede Grausamkeit. Denn einerseits thematisiert er auf seine Weise jene Ungerechtigkeiten, die seine Hinkehr zum Affekt bewirken, andererseits führt ihn die Abkehr von der Rationalität in jene Bereiche, die ihm alles erlauben, was sein gekränktes Ego verlangt.

Schmerz und Folter

In den geheimen Verliesen erproben die Täter nicht nur Techniken des physischen Schmerzes. Die Zerstörung der Person muss keine blutenden Wunden oder zerbrochene Knochen hinterlassen. Man zwingt das Opfer, stundenlang aufrecht an der Wand zu stehen oder zusammengekauert in der Hocke zu sitzen. Man lässt in der Zelle rund um die Uhr helles Licht brennen oder beschallt sie tagelang mit einem schrillen Pfeifton. Man steckt dem Gepeinigten eine Eisenkugel in den Mund und raubt ihm noch die letzte Gebärde, das Wehklagen der Kreatur. So nagelt man das Opfer in sich selbst fest und drückt den Schrei in sein Inneres zurück. Grausamkeit spielt mit der Ohnmacht und Scham des Opfers.


Der Reichtum dieser Welt. Wertvolle Erde trägt dieser chinesische Arbeiter in der Provinz Jiangxi auf seiner Schulter. (Photo: Reuters)

Unser Wohlstand

Grausamkeit beginnt jedoch nicht erst mit gezielter Körperverletzung. In den unzähligen Minen und Plantagen der Versklavungen auf unserer Erde regiert seit jeher das Gesetz der Fronarbeit. Weniger auf Nützlichkeit ist die Plackerei angelegt als auf Verelendung. Solange der Ersatz für die geschundenen Arbeitssklaven billig ist, kommt es auf das Überleben nicht an. Arbeit, Hunger und mangelnde Hygiene erschöpft diese Menschen. Sie werden umgehend durch neue Arbeitssuchende ersetzt, die dasselbe Schicksal erleiden wie ihre Vorgänger. Das Fehlen von Blut bedeutet keinen Mangel an Grausamkeit.

Triumphe der Grausamkeit

Der Triumph der Grausamkeit geschieht in der Öffentlichkeit. Er äußert sich in den drei Grundformen Schändung, Marter und Massaker.

Mit Schändung ist die öffentliche Anprangerung, die Zurschaustellung und Preisgabe für die allgemeine Verspottung gemeint. Jeder kann den Verurteilten beleidigen und schmähen. Die öffentliche Erniedrigung kommt einem sozialen Todesurteil gleich. Der Missetäter oder der, den die Öffentlichkeit dafür hält, wird aus der Gesellschaft der selbsternannten Anständigen ausgeschlossen. Seine Existenz wird ruiniert.

Die Marter ist die Verbindung der Schändung mit dem Regime der Ordnung. Am Galgen konnte das Erdrosseln Minuten dauern, bis endlich die Kehle des Verurteilten zugewürgt war. Tagelang hing sein Leichnam im Wind, den Krähen zum Fraß, den anderen Menschen zur Warnung und zum wohligen Schauer. Die Schändung der Person überdauerte so noch ihren Tod. Wurde ein Missetäter lebendig begraben, steckte man ihm ein Rohr in den Mund, um das Ersticken hinauszuzögern. Beim Rädern ließ der Henker das eisenbeschlagene Wagenrad auf die Knochen fallen, erst auf das Schienbein, dann auf die Oberschenkel, die Unterarme, die Oberarme, schließlich auf den Brustkorb und das Genick. Auch wenn das Opfer noch ein Lebenszeichen von sich gab, flocht man es aufs Rad, steckte den Körper auf eine Pfahlspitze und hing das Rad in die Höhe, so dass jeder Zuschauer das Schreckensbild betrachten konnte. Die Schaulustigen beobachteten gebannt diese Zeremonien des Todes, dieses Schauspiel des Schmerzes, den Tod des – Anderen...

Das Massaker schlussendlich bezeichnet den Exzess der Grausamkeit im Kollektiv. In der Gemeinschaft hat keiner etwas zu befürchten. Die Gruppe deckt jedes Verbrechen, und sie verteilt die Schuld auf so viele Schultern, dass keiner sie zu spüren bekommt. Die durch die Gruppe erfolgende Anregung erfasst auch Zögernde, sie forciert die Bestialität des Einzelnen. Der Wettbewerb der Barbarei treibt Menschen zu Taten, die sie sich zuvor niemals zugetraut hätten.

Die Grausamen ahnen, dass sie ihr Leben vergeuden. Sie haben keine Hoffnung und beneiden jeden anderen um sein Schicksal. Es sind nur wenige, die aus ihrer Hölle herausfinden, um in der Einöde neu zu beginnen. Am Nachthimmel ist kein Licht zu sehen. Verschwunden ist auch die Göttin der Vernunft, die am Anfang das Paradies befreien wollte...

Verteidigung des Zorns

„Vom Zorn singe, Göttin, und von den unheilvollen Geschehnissen...“ So beginnt die Ilias. Kränkung und Zorn beherrschen die gesamte Handlung. Viele müssen dafür bezahlen, letztendlich Achill selbst.

Zorn ist auch in unserem Leben allgegenwärtig. Ob wir ihn unterdrücken oder zum Ausdruck bringen, er ist ein unvermeidlicher Bestandteil unserer Existenz. Seine beiden Elemente sind das Erleiden einer aktuellen Ungerechtigkeit und die aggressive Reaktion darauf. Werden allgemein gültige Normen verletzt und man selbst ist davon schwer betroffen, ist Zorn eine verständliche Reaktion. Mag daraus auch Gewalt entstehen, so ist diese niemals mit der vorher besprochenen Grausamkeit vergleichbar, die ihren Ursprung in der Ablehnung oder Verkümmerung der Liebe hat.

Μηνιν αειδε, θεα, Πηληιαδεω Αχιληος ...


Achilleus und Briseis: Casa del poeta tragico, Pompeii, 70 v. Chr.
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