Die Hauptvorwürfe der Atheisten
Zustimmung und Zurückweisung

Charles Darwin*

Als sich der junge Mann im brasilianischen Urwald befunden hatte, war er überzeugt davon, „dass in der Brust eines Menschen mehr als nur der Atem seines Körpers ist“. Eine echte Erleuchtung scheint dies aber nicht gewesen zu sein. Denn als Charles Darwin Jahre später sein wegweisendes Buch über den „Ursprung der Arten“* veröffentlichte, war er religiös unschlüssig. Er hatte sich immerhin ein Stück seines Kinderglaubens bewahrt, das es ihm erlaubte, sich als Theisten zu bezeichnen.

Einen Aufsatz seines amerikanischen Mitstreiters Asa Gray* über die Vereinbarkeit von Evolution und Religion lobte Darwin als „den bei weitem besten theistischen Essay“. Das konnte es also geben: eine theistisch gestimmte Biologie auf dem Niveau der Erkenntnisse Darwins. Ihn beschäftigte damals die Frage, ob die Baupläne der Natur einen Architekten erforderten, das Design einen Designer. Er war ratlos und meinte: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Welt, wie wir sie sehen, das Ergebnis von Zufällen ist. Aber andererseits kann ich nicht jedes Einzelding als Resultat eines Entwurfs ansehen.“ Ihn verwirrte jene religiöse Sicht, nach der alles und jedes auf Gott direkt zurückgeht.

Darwin wollte, wie er versicherte, nicht als Atheist darüber schreiben, sah sich aber außerstande, überall Absichten und Wohlwollen zu entdecken. Es gab Phänomene in der Natur, die ihm unvereinbar zu sein schienen mit dem Glauben an einen wohlwollenden Schöpfer. Da war zum Beispiel die Schlupfwespe, welche ihre Eier in lebende Schmetterlinge legt, oder die Katzen, die mit Mäusen spielen. Und auf der anderen Seite gab es erstaunliche Hervorbringungen der Natur wie das Auge, die den Gedanken an eine planmäßige Entwicklung zwingend aufzudrängen schienen, die sich aber tatsächlich ohne die Annahme eines Schöpfers erklären ließen. Über solche Fragen nachzudenken kam ihm vor, als wollte ein Hund Newtons Hirn ergründen. Hin und hergerissen zwischen Absicht und Zufall, verlor Darwin seinen Glauben. Hielt er sich anfangs noch für einen Theisten, bezeichnete er sich später als Agnostiker.

In seiner Autobiographie, die erst nach seinem Tod veröffentlicht werden sollte, wurde er deutlicher: Hier bestritt er ausdrücklich, dass ein vernünftiger Mensch an Wunder glauben könne, leugnete die Möglichkeit eines rationalen Beweises für die Existenz Gottes und bestritt den Offenbarungscharakter der christlichen Religion. Ihr Gott sei im Übrigen grausam, sodass niemand wünschen könne, dass das Christentum wahr wäre. Je mehr Antworten die Biologie lieferte, desto mehr entfernte sich Charles Darwin von der Religion.

Das Mysterium des Anfangs

Den Abschnitt seiner Autobiographie über die Religion beschloss Darwin mit dem Satz: „Das Mysterium des Anfangs aller Dinge ist für uns unlösbar; und ich jedenfalls muss mich damit abfinden, ein Agnostiker zu bleiben.“

Aus dem Abschnitt
"Religiöse Ansichten"

Charles Darwin: Autobiographie,
Leipzig 1959, S.80-82.

Man hätte meinen können, dass mit Darwins Äußerungen über Religion und Evolutionsbiologie genug gesagt ist. Doch bis in die Gegenwart gibt es zum Teil erbittert geführte Auseinandersetzungen zu diesem Thema.

Neu ist sicherlich, dass seit der Zeit Darwins die Entchristlichung der Gesellschaft weiter fortgeschritten ist, wenn auch nicht mit solcher Rasanz, wie man es im neunzehnten Jahrhundert vorherzusehen meinte. So hatte der Basler Theologe Franz Overbeck* , einer der besten Freunde Nietzsches, mit der ihm eigenen Redlichkeit festgestellt: „In der menschlichen Gesellschaft ist das Christentum augenscheinlich zu seinem Ende gelangt.“ Overbeck wusste auch von Gesprächen am Tisch des preußischen Kulturministers, wo man die Frage diskutierte, ob das Christentum noch zwanzig oder fünfzig Jahre dauern werde.

Es gibt oft zitierte Sätze von Albert Einstein, die als symptomatisch für einen diesbezüglichen Sinneswandel angesehen werden können. Ohne ein konfessionelles Bekenntnis abzulegen, wollte der große Physiker eine Art Religionsfrieden ausrufen, indem er die Religion mit der Vernunft versöhnt sah: „Das Wissen um die Existenz des für uns Undurchdringlichen, der Manifestationen tiefster Vernunft und leuchtendster Schönheit, die unserer Vernunft nur in ihren primitivsten Formen zugänglich sind, dies Wissen und Fühlen macht wahre Religiosität aus; in diesem Sinn und nur in diesem gehöre ich zu den tief religiösen Menschen.“ Solche Bekenntnisse konnten zweifellos als Grundlage eines Gesprächs zwischen Wissenschaftlern unterschiedlicher persönlicher Überzeugung dienen, die eine Verständigung über die Welträtsel suchten.

Der Stand der Diskussion

Die Position der Theologen läuft auf die These hinaus, dass religiöse Überzeugungen – soweit man es nicht mit Fundamentalisten, Kreationisten* oder anderen vorkritischen Vertretern zu tun hat - in der heutigen Kultur des Westens mit Wissenschaft konfliktlos verträglich seien. Darüber hinaus sieht die Theologie es als eine gelegentlich schon verwirklichte, aber weiterzuentwickelnde Aufgabe an, die „letzten Fragen“ zwischen Theologie und Naturwissenschaften als Bestandteil rationaler Forschung zu behandeln. Es geht also um eine kulturelle Auseinandersetzung.

Der moderne Atheismus bezeichnet sich oft als konsequente Vernunftposition. Von da aus nimmt er den vom „Gotteswahn“ infizierten Teil der Bevölkerung ins Visier, der deshalb für gefährlich gehalten wird, weil er sich auf kulturelle Traditionen berufen kann. Diese Atheisten bezeichnen die religiösen Phänomene als evolutionäre Fehlentwicklungen und als eine Krankheit der Kultur, die sich virusmäßig ausgebreitet habe.

Es ist bemerkenswert, dass Ludwig Wittgenstein* vom Universalitätsanspruch der Wissenschaft alarmiert war. Er befürchtete, dieser Anspruch würde allmählich in die Alltagssprache Eingang finden und unsere unterschiedlichen Sichtweisen, unter denen wir die Welt betrachten, auf eine einzige Perspektive zusammenschnüren. Wittgenstein warnte davor, die Wissenschaft als einzige Lebensdeutung misszuverstehen. Er wollte die Menschen vom Aberglauben kurieren, die Fragen des Menschen seien beantwortet, wenn Alltagswörter mit wissenschaftlicher Bedeutung aufgefüllt werden.

Der heutige Atheismus ist aber oft nicht nur ein Angriff auf die Religion, wie es bei seinen Vorgängern seit je der Fall war, sondern läuft auf eine Verflachung der Kultur hinaus. Die Atheisten berücksichtigen fast nie, dass die Religion kein kompaktes Gebilde ist, sondern sich aus einer Vielzahl unterschiedlicher Traditionen und Überlieferungstechniken zusammensetzt, die zu einem beachtlichen Teil von Religionen erfunden und für deren Überlieferungsbedürfnisse entwickelt wurden: Rituale, Zeremonien, Gebete, heilige Texte, Bücher und so fort.

Es ist mehr als 150 Jahre her, dass Karl Marx schrieb, dass die Kritik der Religion im Wesentlichen abgeschlossen sei, jetzt gehe es darum, das Elend abzuschaffen, zu dessen Linderung die Religion erfunden worden sei. Und dass Marx' Forderungen im Europa des 21. Jahrhunderts anscheinend vollständig erfüllt sind, davon zeugten nicht zuletzt die Berichte, Erzählungen und Reportagen jener Amerikaner, die von ihren Besuchen auf dem alten Kontinent die Nachricht mitbringen, die Europäer seien nicht nur müde und dekadent geworden, sie seien vor allem ein ungläubiges Volk und so desinteressiert an Gott, dass man sich nicht wundern müsse, wenn es bergab gehe mit dem ganzen Kontinent. Erst neulich betonte der republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney, Europas Kirchen seien „so großartig, so beseelt und so leer“: Europas Glaube sei der Säkularismus, der eine gefährliche Irrlehre sei. Deshalb möge in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben, dass, wer wie die Mormonen den Grand Canyon als von Gott gesprengte Abflussrinne für das Wasser der Sintflut begreift, von der biblischen Schöpfungserzählung nichts begriffen hat.

Und trotzdem kann Gott als die beste Antwort auf die Frage, warum etwas sei und nicht vielmehr nichts, angesehen werden. Der gekreuzigte Christus ist eines der stärksten Bilder, die wir von der menschlichen Situation in dieser Welt haben. Wer in diesem Schrecken erregenden Bild eines gefolterten Unschuldigen nicht die menschliche Wahrheit erkennt, kann nur ein Anhänger eines naiven Aberglaubens vom immerwährenden Fortschritt sein. Dieses Bild ist deshalb so stark, weil alles, was nach Sieg und Triumph aussieht, daneben falsch, dumm und trivial erscheint.

Auch nachdem alle Umsetzungsversuche des Marxismus gescheitert sind, kann man sich von Marx durchaus inspirieren lassen: „Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elends und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist.“*

Zwischen Theologie und Naturwissenschaften finden schon sehr lange sinnvolle Gespräche statt. Die Zeiten, da man sich als Idioten oder als halsstarrige Leugner verteufelte, sind vorbei. Scharfmacherei findet in der Sache keinen Halt. Der gegenseitige Respekt bezieht sich auf Kosmologie und Evolutionstheorie, auf die Frage nach dem Beginn der Menschheit sowie des menschlichen Geistes, schließlich auf die Frage nach dem Gottesbild. Nach aller Jahrtausende lang gemachten Erfahrung akzeptiert die Theologie den Hauptstrom der naturwissenschaftlichen Ergebnisse. Viele Naturwissenschafter respektieren das Rätselhafte und das Geheimnisvolle und sehen in ihm nicht mehr bloß eine Folge von Wissenslücken, sondern ein Mysterium der menschlichen Existenz.

Es gibt aber auch Wissenschafter, welche die Welt in all ihren Bezügen zu erklären versuchen. Doch wird das Entscheidende nicht beantwortet: Was war eigentlich vor dem Urknall? Warum überhaupt gibt es etwas, das nicht im Nichts geblieben ist, wie Leibniz fragte? Wie kommt es, dass diese Wirklichkeit zu einer menschlichen Wirklichkeit geworden ist?

So ergibt sich eine Doppelstruktur von Erklären und Verstehen, aber es gibt keine absoluten Antworten. Der eine Gott - philosophisch oder theologisch begriffen - bleibt ein Geheimnis, er ist weder ein Supermensch oder ein Apparat, der die Komplexität einer Boeing übersteigt. Gott erschließt sich nur der Disposition einer vorbehaltlosen Vertrauenshaltung, also einer inneren, verstehenden Rationalität. Deshalb lässt sich der Glaube niemandem aufzwingen. Weder der Glaube an Gott noch der Atheismus.

Seite 1, Homepage
 zurück
 Seitenanfang
 Seitenende