Maurizio Cattelan: Sans titre, 1997

Vom Deismus zur Säkularisierung

1. Die Religion – kritisch und kritisiert

Warum war es in der abendländischen Gesellschaft, beispielsweise im Jahre 1500, schier unmöglich, nicht an Gott zu glauben, während es im Jahre 2011 vielen nicht nur leicht fällt, sondern geradezu selbstverständlich vorkommt? Die Standardantwort auf diese Frage lautet etwa so: Der Westen hat sich in einem Jahrhunderte dauernden Prozess, der zur Aufklärung, Rationalisierung, Verwissenschaftlichung und Demokratisierung führte, von mythischen, irrationalen, unwissenschaftlichen und vormodernen Weltbildern gelöst und glaubt, die Welt heute endlich so zu betrachten, wie sie wirklich ist.

Der Kosmos der Menschen um 1500 war von Geistern und mysteriösen Kräften animiert, welche bedrohlich sein konnten, den menschlichen Fährnissen aber auch Sinn verliehen. Sowohl Kosmos als auch Kirche und alle mittelalterlichen Gemeinwesen waren durch Hierarchien geprägt: Jeder hatte seinen Platz in der sozialen Ordnung, wobei die Hierarchien auch kurzzeitig suspendiert werden konnten wie im Karneval.

Es gibt keine Götter, Geister und höheren Mächte mehr, sondern die Menschen leben in einem Universum, das ausschließlich von Naturgesetzen bestimmt ist, die man meint, nach und nach enträtseln zu können. Das Leben spielt sich in Gesellschaften und politischen Ordnungen ab, deren Normen ohne Berufung auf göttliche Instanzen vom Menschen selbst festlegt werden.

Daraus entstand der moderne Individualismus, welcher einerseits eine kühle, distanzierte, desengagierte Betrachtung der Welt hervorbrachte, andererseits aber eine expressive, leidenschaftliche Verwirklichung des eigenen Potenzials.

Aus diesen Widersprüchen speist sich ein gewisses Unbehagen an der Moderne. Aber ist es wirklich zutreffend, dass das moderne Individuum ganz neu den Sinn seines Lebens erfindet, ohne den Anderen, ohne die Gesellschaft und ohne Religion?

Doch die bloße Aussage, erst ohne Religion erscheine der eigentliche und autonome Mensch, genügt nicht. Diese Sichtweise wäre eine Selbsttäuschung der Moderne über die tatsächliche Geschichte. Sie übersieht nämlich völlig, dass die weitgehend säkulare moderne moralische Ordnung eine höchst artifizielle Konstruktion und eine welthistorische Ausnahme ist. Auch hat diese Ordnung nicht plötzlich eine religiös und magisch imprägnierte Vorstellungswelt abgelöst. Es gibt viele Vorbedingungen, Umwege und Zwischenstufen der Säkularisierung.

Durch die Reformation wurde die Welt endgültig entzaubert. Kapitalismus, Demokratie sowie politische Öffentlichkeit haben die Legitimität von hierarchischen Ordnungen systematisch untergraben. Gleichzeitig haben diese modernen Institutionen ein ganz neues Selbstverständnis geschaffen, nämlich das des disziplinierten, distanzierten und sich rational verstehenden Selbst – als Gegenteil des mittelalterlichen, naiv gläubigen, für vielerlei Heiliges und Okkultes durchlässigen Selbst.

Den üblichen von wenig Wissen, aber herrschsüchtigen Überzeugungen, getragenen Darstellungen des europäischen Säkularisierungsprozesses, welche diesen als einen geradlinigen Weg vom dunklen Mittelalter zum hellen Licht der Aufklärung begreifen, muss die These seines reichlich verschlungenen Verlaufs entgegengehalten werden. Denn die Säkularisierung ist selbst ein Produkt der Religion. Um die Mitte des ersten vorchristlichen Jahrtausends entzauberten der biblische Monotheismus, der selbst in einem engen Zusammenhang mit der Religionsreform des Pharaos Echnaton steht, und die platonische Philosophie die alten archaischen Weltbilder, in denen der ganze Kosmos von Geistern und Dämonen bevölkert war.

Innerhalb des lateinischen Christentums gab es immer wieder Bewegungen, welche versuchten, jene Elemente aus der Volksreligion zu entfernen, die noch aus dem alten Heidentum stammten: Karneval und Reliquienkult, heilige Zeiten und heilige Orte. Diese Reformbewegungen wollten die außerweltliche Askese der Mönche und Nonnen durch die innerweltliche Askese der gewöhnlichen Christen und die zeitliche Diskontinuität von Alltag und ekstatischer Festlichkeit durch ein in kontinuierlicher Selbstdisziplin geführtes Leben ersetzen.

Damit bereiteten sie den Boden für einen Lebensstil, der den Einzelnen nicht mehr in eine sakrale Ordnung der Gesellschaft und des Kosmos einbettet, sondern ihn zwingt, als Individuum sein Leben rational selbst zu steuern.

In den Gesellschaftstheorien seit Thomas Hobbes und John Locke haben Hingabe und Opfer keinen Platz mehr: Der jede Form von Transzendenz meidende Humanismus setzte sich durch.

Allerdings entstanden wiederum innerhalb der säkularen Mentalität Gegenbewegungen gegen dieses Modell der rationalen Lebensführung. Diese reichten von der Romantik über Friedrich Nietzsche und Georges Bataille* bis in die Gegenwart. Sie nehmen eine dritte Position jenseits von Religion und säkularem Humanismus ein und lehnen sowohl das Christentum als auch die Aufklärung ab, denen sie vorwerfen, das Irrationale und Ekstatische, das Elitäre und Heroische zu unterdrücken. Aber war es nicht das Christentum selbst, welches die Befreiung aus der „Knechtschaft des Gesetzes“ (Paulus) verlangte?

Die Naturwissenschaften waren nicht für den vermeintlichen Tod Gottes verantwortlich. Wer unter dem Einfluss beispielsweise Darwins zum Atheisten wurde, wurde dies nicht aufgrund eindeutiger empirischer Beweise, sondern aus tiefenpsychologischen Gründen: Man will sich heroisch der Realität stellen und nicht mehr einer Art Kinderglauben aufsitzen. Doch wer derart denkt, der hat eine sehr naive Vorstellung vom Christentum.




2. Gottfried Benn* : Verlorenes Ich



Verlorenes Ich, zersprengt von Stratosphären,
Opfer des Ion —: Gamma-Strahlen-Lamm —
Teilchen und Feld —: Unendlichkeitschimären
auf deinem grauen Stein von Notre-Dame.

Die Tage gehen dir ohne Nacht und Morgen,
die Jahre halten ohne Schnee und Frucht
bedrohend das Unendliche verborgen —
die Welt als Flucht.

Wo endest du, wo lagerst du, wo breiten
sich deine Sphären an — Verlust, Gewinn —:
ein Spiel von Bestien: Ewigkeiten,
an ihren Gittern fliehst du hin.

Der Bestienblick: die Sterne als Kaldaunen,
der Dschungeltod als Seins- und Schöpfungsgrund,
Mensch, Völkerschlachten, Katalaunen
hinab den Bestienschlund.

Die Welt zerdacht. Und Raum und Zeiten
und was die Menschheit wob und wog,
Funktion nur von Unendlichkeiten —
die Mythe log.

Woher, wohin — nicht Nacht, nicht Morgen,
kein Evoë, kein Requiem,
du möchtest dir ein Stichwort borgen —
allein bei wem?

Ach, als sich alle einer Mitte neigten
und auch die Denker nur den Gott gedacht,
sie sich den Hirten und dem Lamm verzweigten,
wenn aus dem Kelch das Blut sie rein gemacht,

und alle rannen aus der einen Wunde,
brachen das Brot, das jeglicher genoss —
oh ferne zwingende erfüllte Stunde,
die einst auch das verlorne Ich umschloss.




Thomas Beecht: Figur 11, 2009

Dieses Gedicht beschwört nicht die guten alten Zeiten. Wohl aber formuliert es eine Unsicherheit, die heute bei nicht wenigen Menschen anzutreffen ist. Es wäre töricht, wenn man sich in jene Zeiten zurücksehnt, „als sich alle einer Mitte neigten / und auch die Denker nur den Gott gedacht“. Man kann nämlich die heutige Situation auch als eine betrachten, in der man sich bewusst für den Glauben entscheiden kann – oder eben auch nicht. Aber genau damit widerspricht man den üblichen Säkularisierungstheorien, die unterstellen, die atheistische Position sei für den heutigen Menschen die einzig vernünftige Option, und religiöse Menschen seien Hinterwäldler, die eben noch nicht richtig in der Moderne angekommen seien.

Oft wird behauptet, der Westen befinde sich in einem Zeitalter der Authentizität, in dem jeder seine eigenen spirituellen Wege sucht, ob nun in Richtung Esoterik oder im humanitären Engagement. Die Gegenwart wird von vielen als pluralistisch bezeichnet, als sei das an sich schon ein Wert. Doch die immer differenzierteren Weltanschauungen führen nicht nur zu ihrer gegenseitigen Infragestellung, sondern auch zur inneren Fragilität des Staates. Heute sind die meisten Menschen hin und her gerissen zwischen den Extremen von materialistischem Atheismus und christlicher Orthodoxie. Es ist nicht zu erwarten, dass eine dieser Extrempositionen so bald einen Sieg davontragen wird. Das Dilemma der Moderne besteht gerade darin, dass sie sich weder ganz vom Streben nach Transzendenz noch völlig von einer Wertschätzung der Erfüllung im diesseitigen Leben verabschieden kann.

Festzustellen ist eine immer deutlicher werdende geistige Verarmung in einer säkularen Gesellschaft, in der scheinbar alles auf- und abgeklärt ist.


3. Auszug aus einem "Spiegel"-Gespräch mit Max Horkheimer* über die Zukunft der Religion





Die schöne, neue Welt, in der alles vernünftig ist...


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