Zum Inhalt dieses Kurses über Gott

Die Theologie sieht die Wirklichkeit auch als Zeichenhaftigkeit, die es zu deuten gilt. Die Idee der Wissenschaft ist Forschung, die der Theologie ist Deutung. Das immerwährende Paradoxon der kritischen, nicht dogmatischen Theologie besteht darin, dass sie mit dem Anspruch auf Wahrheit deutend verfahren muss, ohne jemals einen sicheren Schlüssel der Deutung zu besitzen. Sie hat nicht mehr als flüchtige, verschwindende Hinweise in den Rätselfiguren des Daseins und dessen wunderlichen Verschlingungen.

Wir werden uns der eigenen Vergänglichkeit am meisten bewusst, wenn wir der triebhaften, hässlichen, dampfenden, vom Verfall gekennzeichneten Fleischlichkeit gewahr werden.

Der Tod ist die größtmögliche Distanz zu allem. Er ist das Nichtbeisichbleibenkönnen des Menschen. Gleichzeitig ist er die Erlösung aus dem Kreislauf des Angezogenseins und des Sichweggestoßenwähnens.

Der Glaube an Gott ist für viele Menschen nur mehr eine Form der Behübschung. Sie machen sich die Welt zumindest in ihrer Fantasie so schön wie sie nicht ist. Atheismus, Gleichgültigkeit oder Verharmlosung sind vielfach die in Europa noch vorhandenen Reste des einstigen Glaubens an Gott. Reicht es einem gebildeten und seine Vernunft gebrauchenden Menschen wirklich, die Frage nach Gott einfach auszuklammern? In diesem Modul wird sie gestellt und beantwortet. Allerdings ohne dogmatische oder traditionelle Sicherheit, die nur eine eingebildete wäre. Dass dabei das oben angedeutete Menschenbild näher entfaltet wird, ist ein Teil davon.

A. Rainer, Gott erschafft die Welt

Arnulf Rainer (* 1929): Gott erschafft die Welt, 1995/98, Übermalung einer Kopie der Bible moralisée, um 1250,
Museum Frieder Burda, Baden-Baden