Gerhard Richter: Sils Maria, 1992

Der Antichrist und der Gekreuzigte

Der Tod Gottes

Nietzsches Weg vom christlichen Glauben zum antichristlichen Atheismus ist vornehmlich auf zwei einflussreiche Ideen seiner Zeit zurückzuführen. Die Veröffentlichung von Darwins* Werk über die Entstehung der Arten durch Selektion und Mutation und die Veröffentlichung der radikalen Bibelkritik durch David Friedrich Strauß* .

Sein Glaube an Gott als den Schöpfer aller Dinge und sein Glaube an die Authentizität der Bibel wurde dadurch erschüttert und führte ihn weg vom Christentum. Doch dieser intellektuelle Werdegang hatte eine innere Tiefendimension, die heute wahrscheinlich nur mehr schwer nachvollziehbar ist. Nietzsche hatte erkannt, dass die Naturwissenschaften als Rationalitätsform in der Moderne den Siegeszug davongetragen haben, sodass alle Fragen nach dem Woher und Wohin des Menschen als unwissenschaftlich aus der Diskussion ausgeklammert werden. Durch diese neuzeitliche Selbstbeschränkung der Vernunft werden Fragen der Religion und der Moral in den Bereich des Subjektiven verlagert und somit jeder rationalen Argumentation fast entzogen. Dass durch den „Tod Gottes“ alle Moral relativiert wird, ist die Konsequenz dieser Selbstbeschränkung der Vernunft.

Was übrig bleibt nach dem Verfall des christlichen Glaubens, der dem Menschen befahl, was er soll, ist allein ein ‚ich will’. Der Gott los gewordene Mensch muss sich selbst seinen Willen geben. Der europäische Nihilismus, wie Nietzsche ihn beschreibt, ist also untrennbar verbunden mit dem Problem, ob der Mensch ‚will’. Der Glaube ist immer dort am meisten begehrt, wo eine Erkrankung des Willens vorliegt. In Zeiten der Willenserschlaffung finden die meisten Menschen keinen Halt.
Solange das Christentum galt, wurde der Mensch im Dasein festgehalten, denn man glaubte zu wissen, wozu man überhaupt da ist. Doch seit Kopernikus (1473-1543, Domherr, einer der bedeutendsten Astronomen) bewegt sich der Mensch vom Zentrum ins Nichts. Und was geschieht nun, wenn der Mensch im Universum nur noch ein flüchtiger, sinnloser Zufall ist? Wir haben daher ein Gefühl der ungeheuren Weite, aber auch der ungeheuren Leere. Diese versuchen die Menschen zu füllen, meist mit irgendetwas, das die Leere nur noch unerträglicher macht.

In der Parabel vom „tollen Menschen“, der verzweifelt Gott sucht und sich selbst als Mörder Gottes entdecken muss, verdichtet sich wie in einer Nussschale Nietzsches tragische Philosophie. Diese Parabel ist ein Klagelied auf den Tod Gottes und den inneren Kältetod der Menschheit. Die Entchristlichung der Welt ist nach Nietzsche eine Katastrophe, die den Zusammenbruch einer Weltordnung bedeutet. Der „tolle Mensch“ in der Parabel der „Fröhlichen Wissenschaft“ ist vom Misstrauen in den eigenen Weg gekennzeichnet. Die Suche nach Gott bleibt zwar ohne Antwort, aber im Unterschied zu den banalen Alltagsatheisten bricht er über dieser Frage nicht in Gelächter aus oder wird zynisch, sondern ist von innerer Verzweiflung um die Sinnlosigkeit und Leere in allem, was ohne Gott geschieht, gequält.
Nietzsches Kritik am unaufhaltsamen Fortschreiten des Nihilismus hatte zum Ziel, das Unaufhaltsame aufzuhalten. Den modernen Menschen kennzeichnete er hellsichtig voller Hybris und Gottlosigkeit: „Hybris ist unsre Stellung zu Gott, will sagen zu irgendeiner angeblichen Zweck- und Sittlichkeits-Spinne hinter dem großen Fangnetz-Gewebe der Ursächlichkeit... Hybris ist unsre Stellung zu uns... denn wir experimentieren mit uns, wie wir es uns mit keinem Tiere erlauben würden und schlitzen uns vergnügt und neugierig die Seele bei lebendigem Leibe auf: Was liegt uns noch am Heil der Seele!“

Durch die Bibelkritik von D. F. Strauß und die Evolutionslehre von Charles Darwin vollzieht Nietzsche eine Negation und denkt die nihilistischen Prämissen der Moderne bis in ihre radikalen Konsequenzen zu Ende. Eine ebenso heilbringende wie von Illusionen völlig freie Antwort auf das Geheimnis des Seins wollte und konnte er nicht geben.
Nietzsche überzeugt nicht nur durch seine Diagnose und Prognose des europäischen Nihilismus als Folge der Gottesvergessenheit und damit des drohenden Absturzes des Menschen in Sinnverarmung und Werteverlust, sondern auch durch sein tragisches Leben, das von innerer Unruhe und Verzweiflung gekennzeichnet war.

Was von Gott noch da ist, ist sein Schatten. Es geht mit dem Christentum jetzt zu Ende. Was von ihm noch zu sehen ist, sind abflutende Gewässer, nach einer ungeheuren Überschwemmung. Was von Gott noch zu ahnen ist, ist nur noch sein Schatten. Der Tod Gottes ist aber als Ursprung des Nihilismus ein Anlass zu philosophischer Heiterkeit. Denn man kann sich trotz der Verdüsterung, die er zur Folge hat, erleichtert fühlen bei der Nachricht, dass kein „du sollst“ mehr auf dem Willen des Menschen lastet, seitdem Gottes Tod den Menschen von der Verpflichtung zum Dasein entlastet. So ist denn unser Zeitalter im Erfinden von Rauschmitteln besonders einfallsreich. Wir kennen den Rausch der Musik, der Anbetung einzelner Ereignisse oder Personen, den Rausch der Grausamkeiten, den Rausch der besinnungslosen Arbeit, den Rausch als Werkzeug einer politischen Partei oder des Fanatismus. Doch das Vergehen des „Du sollst“ bringt nicht nur Erleichterung, sondern auch Leere.

Also sprach Zarathustra führt in seinem Titel den Zusatz Ein Buch für Alle und Keinen. Dieser Untertitel entspricht keineswegs allein der Erfahrung der Einsamkeit, sondern zeigt den Abgrund, vor dem sich Nietzsche sieht. Sein großer Ekel vor der konkreten Menschheit zeigt eine Aversion gegen das Leben selbst, das nun einmal so ist, wie es ist. Seine Distanz zur Gegenwart ist genauso groß wie seine Bewunderung für die griechische Antike. Von den Griechen übernahm er nicht nur seine Verehrung von Apollon und Dionysos, sondern ebenso die Lebensfülle, mit der sie ihrem Dasein einen Sinn gaben.
Doch gibt es im völlig unsystematischen Spätwerk Nietzsches immer wieder Interpretationen der Person Jesu, welche mit dem von den Kirchen vorgestellten Jesus Christus nichts gemeinsam haben. Nietzsche interpretiert ihn als freien Geist, der das Leben versus Religion verkörpert, Nietzsches Antichrist lastet den Priestern und der etablierten Religion all ihre lebensfeindliche Moral und ihre Gesetzesfrömmigkeit an. So hat sich das Jesus-Bild Nietzsches im Laufe seiner schriftstellerischen Laufbahn gewandelt. Die frohe Botschaft, die Jesus verkündet, bedeutet für Nietzsche Jasagen zur Gesamtheit des Lebens. Dafür stand bei Nietzsche zunächst Dionysos. Nun erscheint Jesus als eine sanfte Variante des griechischen Gottes.

Die Widersprüchlichkeit im Werk Nietzsches ist nicht einfach passiert, sondern die unumgängliche Gestalt seiner Sicht auf die Welt.


Harry Graf Kessler: Totenmaske von Friedrich Nietzsche

Ausgewählte Texte

Neue Kämpfe. – Nachdem Buddha tot war, zeigte man noch Jahrhunderte lang seinen Schatten in einer Höhle, einen ungeheuren schauerlichen Schatten. Gott ist tot. aber so wie die Art der Menschen ist, wird es vielleicht noch Jahrtausende lang Höhlen geben, in denen man seinen Schatten zeigt. Und wir – wir müssen auch noch seinen Schatten besiegen!*

Der tolle Mensch. – Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittage eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: "Ich suche Gott! Ich suche Gott!" — Da dort gerade Viele von Denen zusammen standen, welche nicht an Gott glaubten, so erregte er ein großes Gelächter. Ist er denn verloren gegangen? sagte der Eine. Hat er sich verlaufen wie ein Kind? sagte der Andere. Oder hält er sich versteckt? Fürchtet er sich vor uns? Ist er zu Schiff gegangen? ausgewandert? — so schrieen und lachten sie durcheinander. Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken. "Wohin ist Gott? rief er, ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet, — ihr und ich! Wir Alle sind seine Mörder! Aber wie haben wir dies gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht? Müssen nicht Laternen am Vormittage angezündet werden? Hören wir noch Nichts von dem Lärm der Todengräber, welche Gott begraben? Riechen wir noch Nichts von der göttlichen Verwesung? — auch Götter verwesen! Gott ist todt! Gott bleibt todt! Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besaß, es ist unter unseren Messern verblutet, — wer wischt dies Blut von uns ab? Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen? Welche Sühnfeiern, welche heiligen Spiele werden wir erfinden müssen? Ist nicht die Größe dieser Tat zu groß für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen? Es gab nie eine größere Tat, — und wer nur immer nach uns geboren wird, gehört um dieser Tat willen in eine höhere Geschichte, als alle Geschichte bisher war!" — Hier schwieg der tolle Mensch und sah wieder seine Zuhörer an: auch sie schwiegen und blickten befremdet auf ihn. Endlich warf er seine Laterne auf den Boden, dass sie in Stücke sprang und erlosch. "Ich komme zu früh, sagte er dann, ich bin noch nicht an der Zeit. Dies ungeheure Ereignis ist noch unterwegs und wandert, — es ist noch nicht bis zu den Ohren der Menschen gedrungen. Blitz und Donner brauchen Zeit, das Licht der Gestirne braucht Zeit, Taten brauchen Zeit, auch nachdem sie getan sind, um gesehen und gehört zu werden. Diese Tat ist ihnen immer noch ferner, als die fernsten Gestirne, — und doch haben sie dieselbe getan!" — Man erzählt noch, dass der tolle Mensch des selbigen Tages in verschiedene Kirchen eingedrungen sei und darin sein Requiem aeternam deo angestimmt habe. Hinausgeführt und zur Rede gesetzt, habe er immer nur dies entgegnet: "Was sind denn diese Kirchen noch, wenn sie nicht die Grüfte und Grabmäler Gottes sind?"*


O Mensch! Gib acht...

O Mensch! Gib acht!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
„Ich schlief, ich schlief -,
Aus tiefem Traum bin ich erwacht: -
Die Welt ist tief,
Und tiefer als der Tag gedacht,
Tief ist ihr Weh -,
Lust - tiefer noch als Herzeleid:
Weh spricht: Vergeh!
Doch alle Lust will Ewigkeit -,
- will tiefe, tiefe Ewigkeit!*

Das Gondellied

An der Brücke stand
jüngst ich in brauner Nacht.
Fernher kam Gesang:
goldener Tropfen quoll's
über die zitternde Fläche weg.
Gondeln, Lichter, Musik -
trunken schwamm's in die Dämmrung hinaus ...

Meine Seele, ein Saitenspiel,
sang sich, unsichtbar berührt,
heimlich ein Gondellied dazu,
zitternd vor bunter Seligkeit.
- Hörte Jemand ihr zu? ... *


Resümee

Die Natur des Menschen, seine Menschlichkeit macht sich nicht „von Natur“, nicht von selbst. Menschen müssen, wie wir im Deutschen sagen, ihr „Leben führen“. Sie müssen, um Menschen zu sein, ihrem Leben eine Gestalt geben. Das gelingt nur, wenn das Leben einen Inhalt hat, der über die bloße Selbsterhaltung und die Reproduktion der Gattung hinausgeht. Denn der Mensch ist das Wesen der Selbsttranszendenz.
Friedrich Nietzsche hielt die christliche Idee der Gottesliebe für die höchste Idee der bisherigen Menschheit, weil sie den Menschen lehrte, sich auf etwas zu richten, das größer ist als der Mensch und weil so der Mensch über sich selbst hinauszuwachsen lernte. Nur dadurch wird der Mensch im eigentlichen Sinne menschlich.
Für Nietzsche war Gott tot. Um die Lücke zu füllen, ergab sich für ihn die Utopie des Übermenschen. Wie alle Utopien der Neuzeit diente diese als Religionsersatz.
Was bleibt aber, wenn sich die verschiedenen Religionsersätze als Illusionen erweisen? Eine Rückkehr zu Gott erscheint unwahrscheinlich. Fast scheint es so, als soll nichts mehr ernst sein. Das höchste Resultat der Bildung ist Ironie. Die Menschen wollen sich wohlfühlen, das ist alles. An die Stelle des heroischen Nihilismus tritt das, was man den „banalen Nihilismus“ nennen könnte.
Nietzsche hat diesen banalen Nihilismus bereits vor über hundert Jahren hellsichtig charakterisiert. Er sprach vom letzten Menschen. „’Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern?' - so fragt der letzte Mensch und blinzelt. Die Erde ist dann klein geworden und auf ihr hüpft der letzte Mensch, der alles klein macht... 'Wir haben das Glück erfunden', sagen die letzten Menschen und blinzeln. Sie haben die Gegenden verlassen, wo es hart war zu leben: denn man braucht Wärme. Man liebt noch den Nachbarn und reibt sich an ihm. Denn man braucht Wärme... Ein wenig Gift ab und zu: das macht angenehme Träume. Und viel Gift zuletzt zu einem angenehmen Sterben. Man arbeitet noch, denn Arbeit ist eine Unterhaltung. Aber man sorgt, dass die Unterhaltung nicht angreife. Man wird nicht mehr arm und reich: beides ist zu beschwerlich. Wer will noch regieren? Wer noch gehorchen? Beides ist zu beschwerlich. Kein Hirt und keine Herde. Jeder will das gleiche. Jeder ist gleich. Wer anders fühlt, geht freiwillig ins Irrenhaus... Man hat sein Lüstchen für den Tag und sein Lüstchen für die Nacht: aber man ehrt die Gesundheit. 'Wir haben das Glück erfunden', sagen die letzten Menschen und blinzeln.“
Der letzte Mensch Nietzsches: das ist die Verkörperung des banalen Nihilismus. Er nennt sich heute selbst "Liberalismus" und hat für alles, was sich ihm nicht fügt, die Einschüchtervokabel "Fundamentalismus" bereit. Ein Fundamentalist ist in diesem Sinne jeder, dem es mit irgend etwas ernst ist, das für ihn nicht zur Disposition steht. Für den banalen Liberalismus ist Freiheit: Vermehrung von Optionschancen. Er lässt aber keine Option gelten, für die es sich lohnte, auf alle übrigen zu verzichten. Von einer solchen Option aber spricht das Evangelium, nämlich von dem Schatz im Acker und der kostbaren Perle, für die der, der sie findet, alles gibt. Wenn Europa die kostbare Perle nicht wieder findet, die seine Mitte war, wird es zum Ort, von dem die Abschaffung des Menschen auf diesem Planeten ausgeht.


Gerhard Richter: Sils Maria, 1992



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