Portrait de Blaise Pascal par Quesnel col. musée d’art Roger-Quilliot

Das Elend des atheistischen Lebens...

Der Mensch ist unfähig, glücklich zu leben, denn er ist im Nichts der ihn umgebenden Endlosigkeiten verloren. Aber er hat die Fähigkeit, zu denken und zu glauben. Der Mensch ist nur ein Schilfrohr, das schwächste in der Natur, aber er ist ein denkendes Schilfrohr.*

Pascal quälte der Gedanke, der Mensch sei zwischen zwei Endlosigkeiten verloren. In der Mathematik war er auf diese beiden Endlosigkeiten gestoßen, das unendlich Große, die Linie, und das unendlich Kleine, der Punkt. Er hatte erkannt, dass der Mensch in die Endlosigkeit der Zeit und die des Raumes eingesperrt ist. Wenn ich die Verblendung und das Elend des Menschen sehe, wenn ich bedenke, wie das ganze Weltall stumm ist und der Mensch ohne Erkenntnisvermögen sich selbst überlassen bleibt und sich in diesem Winkel des Weltalls gleichsam verirrt hat, ohne zu wissen, wer ihn dahin gebracht hat, wozu er dorthin gekommen ist, was aus ihm nach seinem Tode wird, so gerate ich, jeglicher Erkenntnis unfähig, in Schrecken wie ein Mensch, den man schlafend auf eine verlassene und grauenerregende Insel gebracht hatte und der erwachte, ohne zu wissen, wo er ist, und ohne eine Möglichkeit, von dort wegzukommen.*

Denn der Mensch ist vor allem allein und weiß nichts über all das, was vor dem Leben war und was nach dem Leben sein wird. Er weiß nicht, ob er eine Seele hat und ob sie ewig sein kann. Er hat meist nicht einmal den Mut, sich darüber Gedanken zu machen. Er ist gleichermaßen unfähig, das Nichts zu sehen, dem er entrissen wurde, wie das Unendliche, das ihn verschlingt.*

Manche Menschen versuchen, um die Welt zu verstehen, mit der Vernunft die Wirklichkeit zu ergründen. Doch vergeblich. Die Vernunft verliert sich zwischen den beiden Endlosigkeiten, die sie nicht begreifen kann, denn um bis zum Nichts zu gelangen, braucht es keine geringere Fähigkeiten, als zum All zu gelangen.

Andere Menschen kümmern sich nicht darum, die menschliche Situation in dieser Welt zu verstehen. Sie jagen einem irdischen Glück nach. Wenn sie erhalten, was sie zum Glücklichsein zu brauchen glauben, können sie nie zufrieden sein und begeben sich auf die Suche nach einem anderen Ziel. Deshalb leben wir nie, sondern hoffen auf das Leben, und da wir uns ständig bereit halten, glücklich zu werden, ist es unausbleiblich, dass wir es niemals sind.*

Damit sich dieses Spiel in seiner ganzen Wucht entfaltet, müssen die Menschen ihre schlimmste Fähigkeit in Gang setzen: die Einbildung, welche die kleinen Dinge vergrößert, bis sie infolge einer absonderlichen Überschätzung unsere ganze Seele erfüllen, und infolge einer leichtfertigen Anmaßung verkleinert sie die großen Dinge bis auf ihr eigenes Maß, wie etwa, wenn sie von Gott spricht.*

Die Zerstreuungen sind jedoch tausendmal besser als die Hoffnungslosigkeit, aus der die Antworten der Philosophen bestehen, welche Pascal diese Halbraffinierten nennt. Um es besser zu machen, braucht man den Mut, sich der Einsamkeit auszusetzen und dieser nicht dadurch entkommen zu wollen, dass man aufbricht, um andere Menschen zu finden, sondern den Spuren nachjagt, welche Gott hinterlassen hat. Die Anwesenheit eines anderen Menschen kann der Einsamkeit nicht abhelfen.

Für Pascal ist die Geschichte der Menschheit eine bittere Farce, die sich auf Golgatha* vollendete. Er meinte, was Gott tut, ist deshalb gerecht, weil er es tut und nicht, weil es nach dem Maß irgendeiner weltlichen Gerechtigkeit, einer von uns selbst oder im Lauf der Geschichte erfundenen Gerechtigkeit, unseres moralischen Gefühls oder einer Rechtstradition geschieht. In welchem Sinne die Gerechtigkeit Gottes gerecht ist, bleibt unbegreiflich. Da seine Gerechtigkeit für alle Zeit und Ewigkeit gilt, bleibt nur die Schlussfolgerung, dass auch die Welt unbegreiflich ist. In allem liegt ein Sinn, doch den Zugang dazu haben wir allein durch den Glauben. Generell kann der Glaube keine Sicherheit, keinen Sinn geben. Sinngebung im konkreten Einzelnen kann er nicht leisten. Daraus folgt, dass für Pascal das Universum, soweit es den Menschen zugänglich ist, ohne Sinn ist.

Die letzte Lektion, die daraus gezogen werden kann, ist, jede Gelegenheit zu ergreifen, über den lächerlichen Glanz der Menschheit zu lachen.




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