Einige Überlegungen zu Friedrich Wilhelm Joseph Schelling

Schelling* schreibt in seiner Schrift Über das Wesen der menschlichen Freiheit, dass der schöpferische Grund die Welt entstehen lässt, aber sie auch wieder zurückziehen kann. So wird der schöpferische Grund zum Abgrund. Dies beschreibt eine uns inzwischen vertraute, allerdings säkulare, Vorstellung: am Anfang die Explosion, das auseinander fliegende Universum, dann die Umkehrung, das ins Zentrum zurückstürzende All.

Schelling sieht hier aber auch den Gegensatz von Chaos und Ordnung. Indem die Menschen die Ordnung der Natur erfahren, begreifen sie auch die Ordnung des eigenen Verstandes. Überall erkennen sie Regel, Form und Ordnung. Doch gibt es hier auch die Ahnung des Regellosen, das schöpferische Chaos, das Schelling die unbegreifliche Basis der Realität nennt.

Diese Basis lässt sich nicht mit dem Verstand auflösen. Dunkel bleibt, wie alles angefangen hat und was das eigentlich ist, das da angefangen hat. Schelling begibt sich hier in unauslotbare Sphären der Metaphysik*. Er spricht vom Abgrund in Gott selbst, den er als das Ermöglichende beschreibt. Dieses bleibt aber zugleich auch eine Bedrohung. Der Abgrund in Gott kann das Seiende entspringen lassen und zu einer Ordnung formen. Er kann aber das Seiende auch in sich zurücknehmen. So ist die Evolution der Natur ein dramatischer Prozess.

Im menschlichen Bewusstsein spiegelt sich dieses Drama wider. Der Mensch befindet sich im Sein, aber er kann das Verlangen entwickeln, sich davon loszureißen, es zu zerstören. Und das nennt Schelling das Böse. Wegen seiner Freiheit kann der Mensch zum Komplizen des göttlichen Abgrundes werden. Der Abgrund in Gott und der Abgrund des Bösen sind nach Schelling in der menschlichen Freiheit miteinander verbunden.

Schelling bewältigt diese rein denkerisch nicht mehr auszuführenden Ideen durch seine Erzählungen aus Begriffen. Er erzählt eine Geschichte, wie die Natur im Menschen die Augen aufschlägt und bemerkt, dass sie da ist. Er erzählt von Gott, der auf der Suche nach sich selbst ist.

Für Schelling ist der Mensch ein notorischer Verräter seines höheren Lebensprinzips. Das Böse beginnt für ihn dort, wo das menschliche Bewusstsein sich trotz wachsenden Wissens verengt, wo das menschliche Vermögen zur Transzendenz für die Immanenz* aufgebraucht wird. Schließlich geht es nur noch darum, das Rad, worin der Hamster läuft, komfortabler auszustatten.

Der alte Schelling musste Mitte des 19. Jahrhunderts diese Missachtung des Geistes aus den Wissenschaften noch erleben. Der Geist wurde zu einer Gehirnfunktion: Die Gedanken verhalten sich zum Gehirn wie die Galle zur Leber und der Urin zur Niere. Der Siegeszug solcher Wissenschaft war nicht aufzuhalten, weil er von einem tiefen Glauben durchdrungen war, dem Glauben an den Fortschritt.

Hier ist eine Dynamik am Werk, die allem auf die Schliche kommen will, auch der Natur, die man gewissermaßen im Experiment auf frischer Tat ertappen will, und der man, wenn man weiß, wie sie läuft, zeigt, wo es langgeht.

So sieht Schelling den Grundstoff alles Lebens und Daseins im Schrecklichen. Bereits in seiner Abhandlung Über das Wesen der menschlichten Freiheit aus dem Jahre 1809 schrieb er von der allem Leben anklebenden Traurigkeit. Diese habe ihren Grund in der Verschlossenheit der Natur. Es sei, als wolle uns die Natur etwas sagen und brächte es doch nur zum Stammeln, zuletzt zum Verstummen. Es ist das Schweigen der Materie, deren Schwere das Entscheidende zurückhält. Da aber die Materie nichts anderes ist als der bewusstlose Teil von Gott, so entspringt diese Traurigkeit der Natur aus Gott selbst, aus seinem dunklen Grund. Über der Natur liegt der Schleier der Schwermut, eine tiefe und unzerstörbare Melancholie alles Lebens, das Entsetzen und der Schrecken.

Das Abenteuer der menschlichen Freiheit führt nicht zum Gelingen. Entweder ist die Schöpfung unfertig oder sie ist misslungen. Doch soviel vermag die Freiheit, sie kann einem besseren Selbst die Treue halten. Man kann das Versprechen halten, dessen unfertige Verkörperung man ist.


Christian Friedrich Tieck: Schelling um 1800
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