Warum ich diesen Film ausgewählt habe...

Auf vieles könnte ich in meinem Leben verzichten, müsste ich jedoch ohne Bücher, Bilder und Filme leben, stünde es schlecht um mich. Daher war es selbstverständlich, dass auch in diesem Modul zumindest ein Film vorkommt.

Eine Kritik in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat mich auf Winter’s Bone aufmerksam gemacht. Obwohl weder über Gott noch über das Böse in diesem Film ausdrücklich gesprochen wird, so geht es genau um jenen Grundton, den ich euch in den Modulen vermitteln wollte: Der Mensch selbst ist es, der durch seine Entscheidungen dem Bösen erst Raum verschafft oder sich durch seine Hoffnung auf das Unsagbare einlässt.

Ein paar Anmerkungen zum Film

Als nichts mehr hilft, meldet sich Ree zur Armee. Der Offizier im Rekrutierungsbüro fragt sie, warum sie sich freiwillig verpflichten wolle. Sie habe gehört, sagt Ree, dass es für Freiwillige einen Bonus von vierzigtausend Dollar gebe. Ob sie sich das auch gut überlegt habe, entgegnet der Offizier. Das habe sie, antwortet Ree, und wann sie die vierzigtausend haben könne. So einfach sei das nicht, sagt der Mann: Sie sei erst siebzehn, da brauche sie die Unterschrift ihrer Eltern. Ob es nicht ohne die Unterschrift gehe, fragt Ree. Sie gehe jetzt besser nach Hause zu ihrer Familie, rät ihr der Offizier, und komme im nächsten Jahr wieder. Da gibt Ree es auf.

Dies ist das einzige Mal, dass Ree in diesem Film aus dem engen Kreis ihrer Verwandten, Bekannten und Nachbarn heraustritt, dass sie den Kontakt mit der Außenwelt sucht, um ihre eigene Welt zu retten. Sie wird den Versuch nicht wiederholen. Dabei wäre sie eine gute Soldatin geworden. So, wie sie für ihre zwei kleinen Geschwister kämpft, für ihre depressive und apathische Mutter und für das Heim, das sie gemeinsam bewohnen, könnte sie es mit jedem Feind aufnehmen. Aber die Army gibt ihr die vierzigtausend Dollar nicht. So bleibt ihr nichts anderes übrig, als ihren verschwundenen Vater zu finden, der für seine Kaution den Besitz der Familie verpfändet hat - ein Holzhaus in den Ozark-Hügeln an der Grenze zwischen Missouri und Arkansas, dort, wo die Hinterwäldler leben, die Dropouts, die Verlierer jeglichen Booms, die Säufer, Drogenkocher und Junkies. Und Ree.

Jennifer Lawrence, die neunzehn Jahre alte Darstellerin der Ree, musste bei den Dreharbeiten in Missouri Holz hacken, Eichhörnchen ausnehmen und Kartoffeln in Eisenpfannen braten. Die Anstrengung, mit der sie sich über die verwüsteten Grundstücke und winterlichen Felder bewegt, ist nicht gespielt. Deshalb wirkt auch der Trotz, mit dem sie auf die Bemühungen ihrer Umgebung reagiert, ihr die Wahrheit über ihren Vater zu verweigern, nicht einstudiert, sondern wahrhaftig und spontan. Man sieht das Kind, das während dieser Geschichte in ihr erstirbt, noch in ihrem Gesicht, so wie man in den verhärmten Zügen der Erwachsenen die Frau ahnt, zu der Ree werden wird. Es dauert nicht lange, bis das Mädchen begreift, dass sein Vater tot ist, erschlagen von jenen Komplizen, deren Drogengeheimnisse er verraten hat, und nun geht es für Ree nur noch darum, seinen Tod zu beweisen, damit die Kautionsforderung nicht vollstreckt wird.


"Ich wäre verloren, wenn ich das Gewicht von euch beiden nicht auf dem Rücken spüren würde. Ich gehe nicht weg von euch."

Winter's Bone ist keine Geschichte, die aus dem Nichts kommt. Die Tradition sozialkritischer Bücher und Filme über das Leben jenseits der Städte, im Hinterhof des amerikanischen Traums, ist so alt wie das Tonkino, sie beginnt mit Walker Evans' Fotoband Preisen will ich die großen Männer über die Opfer der Depression und John Fords Steinbeck-Verfilmung Früchte des Zorns und ist selbst in den Jahren des Nachkriegswohlstands nie ganz erloschen. In letzter Zeit nun hat sich der Hillbilly-Film, wenn man ihn so nennen darf, zu einer wichtigen Spielart des Independent-Kinos entwickelt. Er erzählt von der weißen Unterschicht vor Westernlandschaften. Debra Graniks Film, der 2010 beim Sundance Festival* zwei der Hauptpreise gewann und seitdem immer neue Auszeichnungen erhalten hat, steht also bei weitem nicht allein da.

In Winter's Bone dreht sich alles von Anfang an um Ree. Nach dem Vorspann sieht man, wie sie ihre Geschwister zur Schule bringt, dann erscheint der Sheriff und verkündet, dass ihr Vater Jessup, der wegen Herstellung von Crack im Gefängnis saß, sich nicht bei der Polizei zurückgemeldet hat. Erscheint er nicht zum Gerichtstermin, verliert die Familie ihr Haus. „Ich finde ihn.“ Gut eine Woche Zeit hat Ree, um ihr Versprechen wahr zu machen. Es ist die Frist dieses Films.


Sie muss ihren Vater finden, tot oder lebendig, sonst verliert die Familie ihr Heim.

Und Ree läuft los, hügelaufwärts, vorbei an zerfallenden Blockhütten, zerbrochenen Zäunen, Holzhäusern, vor denen Autowracks in der Sonne rosten, Wäscheleinen und verwilderten Hunden. Zuerst sucht sie ihren Onkel Teardrop auf, dann einen Drogendealer, dann den lokalen Clanchef, einen Mann namens Thump Milton. Doch der Onkel droht ihr Schläge an, der Dealer beschimpft sie, und Milton lässt sie durch seine Haushälterin abweisen. Eine Exfreundin Jessups will ihn auf der Straße gesehen haben, aber das ist Wochen her. Eine ausgebrannte Drogenküche, zu der Ree mit einem Nachbarn fährt, ist schon letztes Jahr explodiert. „Ich finde ihn.“ Das klingt immer hohler und verzweifelter, je länger Winter's Bone dauert.

Eine der ältesten Geschichten des Abendlands handelt vom Streit um eine Leiche. Antigone, die Nichte des Königs von Theben, will ihren Bruder begraben, der nach dem Gesetz als Staatsverräter vor den Mauern verrotten soll. In Winter's Bone ist der Staat aus dem Spiel, hier herrscht das Clan-Gesetz des Schweigens, gegen das Ree mit ihrer Suche nach dem Toten verstößt. Aber die Kraft des Mythos steckt immer noch in dem Stoff. Indem sie nach ihrem Vater fragt, zerreißt Ree den Schleier, der über der Landschaft und ihren Bewohnern liegt. Die Mörder lassen ihre Maske fallen, das Muster aus Hass und Stolz wird sichtbar, das alles durchwebt seit Urzeiten. Tiefer hat kein Western je in die Welt des amerikanischen Westens geblickt.

Schließlich wird Ree von den Frauen des Milton-Clans zu Jessups Leichnam gebracht. Er liegt in einem See. Um seinen Tod bei der Polizei zu beweisen, muss Ree ihm beide Hände abschneiden. Es ist die Szene, in der man begreift, warum der Film Winter's Bone heißt, Winterknochen. Ein Moment aus einem Horrorfilm. Aber hier besitzt er eine tragische Würde, die das wahre Kino vom Genrekino unterscheidet, die großen Geschichten von den Geschichten der Filmindustrie.

Das Abenteuer der menschlichen Freiheit führt nicht zum Gelingen. Entweder ist die Schöpfung unfertig oder sie ist misslungen. Doch soviel vermag die Freiheit, sie kann einem besseren Selbst die Treue halten. Man kann das Versprechen halten, dessen unfertige Verkörperung man ist.


Erst zum Schluss versteht man das grausige Geheimnis des Filmtitels.
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