de Chirico

Zarathustra

Das Zendvolk wird von seiner Sprache so genannt, in welcher die Zendbücher geschrieben sind, auf welchen die Religion der Parsen beruht. Von dieser Religion der Parsen oder Feueranbeter sind nur noch wenige Spuren vorhanden. In Mumbai existiert eine Kolonie derselben, und am Kaspischen Meer befinden sich kleine zerstreute Gemeinden, die diesen Kultus beibehalten haben. Im Großen und Ganzen ist die Religion des Zarathustra durch den Islam vernichtet worden.

Der große Zerduscht, von den Griechen Zoroaster genannt, schrieb seine Texte in der Zendsprache. Bis ins 18. Jahrhundert hinein war diese Sprache und mithin auch alle Bücher, die darin verfasst wurden, den Europäern völlig unbekannt geblieben, bis der bedeutende französische Orientalist Abraham Hyacinthe Anquetil-Duperron (1731 – 1805) diese ungehobenen Schätze öffnete. Xenophon (426 – 355) erwähnt das Zendvolk. Herodot berichtet, dass die Meder früher Arier hießen, ein Name, mit dem auch die Bezeichnung Iran zusammenhängt.

Was ist das Besondere an der Lehre des Zoroaster? Der Geist erhebt sich in ihr aus der substantiellen Einheit der Natur, aus der substantiellen Inhaltslosigkeit, wo noch nicht der Bruch geschehen ist, der Geist noch nicht für sich, dem Objekt gegenüber, besteht. Diesem Volke nämlich kam zu Bewusstsein, dass die absolute Wahrheit die Form der Allgemeinheit, der Einheit haben müsse. Den Persern wurde dieses Allgemeine zum Gegenstand und ihr Geist wurde das Bewusstsein dieses seines Wesens. Dieses Eine, Allgemeine ist mit der Gestalt des Lichts verbunden. Aber das Licht ist nicht diese oder jene besondere Existenz, sondern es ist die sinnliche Allgemeinheit selbst. Die persische Religion ist somit kein Götzendienst, verehrt nicht einzelne Naturdinge, sondern das Allgemeine selbst. Das Licht hat die Bedeutung des Geistigen, es ist die Gestalt des Guten und Wahren, die Substantialität des Wissens und Wollens sowohl wie auch aller natürlichen Dinge. Das Licht setzt den Menschen in den Stand, dass er wählen könne, und wählen kann er nur, wenn er seine Versunkenheit verlässt.

Das Licht hat aber in sich sogleich einen Gegensatz, nämlich die Finsternis, gleichwie dem Guten das Böse gegenübersteht. Wie das Gute für den Menschen nicht vorhanden ist, wenn das Böse nicht da wäre, und wie er nur wahrhaft gut sein kann, wenn er das Böse kennt, so ist auch das Licht nicht ohne die Finsternis. Ormuzd und Ahriman bilden bei den Persern diesen Gegensatz. Ormuzd ist der Herr des Lichtreiches, des Guten, Ahriman der der Finsternis, des Bösen. Dann gibt es aber noch ein Höheres, woraus beide hervorgegangen sind, ein gegensatzloses Allgemeines, genannt Zeruane-Akerene, das unbegrenzte All. Das All ist etwas völlig Abstraktes, es existiert nur für sich, und Ormuzd und Ahriman sind daraus entstanden. Der Geist muss den Gegensatz haben, das Prinzip des Dualismus gehört daher zum Begriff des Geistes. Die Einheit des Gegensatzes wird aber bei den Parsen nicht bewusst, denn in jener unbestimmten Vorstellung von dem unerschaffnen All, woraus Ormuzd und Ahriman hervorgegangen sind, ist die Einheit nur das schlechthin Erste, und sie bringt den Unterschied nicht zu sich zurück. Ormuzd schafft selbstbestimmend, aber auch nach dem Ratschluss des Zeruane-Akerene. Die Versöhnung des Gegensatzes besteht nur darin, dass Ormuzd mit Ahriman kämpfen und ihn letztlich überwinden soll. Ormuzd ist Herr des Lichts und schafft alles Schöne und Herrliche der Welt, die ein Reich der Sonne ist. Er ist das Vortreffliche, das Gute, das Positive in allem natürlichen und geistigen Dasein. Das Licht ist der Körper des Ormuzd. Daher entsteht der Feuerdienst, weil Ormuzd in allem Licht gegenwärtig ist, aber er ist nicht die Sonne, der Mond selber, sondern in diesen verehren die Perser nur das Licht, welches Ormuzd ist. Zoroaster fragt Ormuzd, wer er sei? Dieser antwortet: Mein Name ist Grund und Mittelpunkt aller Wesen, höchste Weisheit und Wissenschaft, Zerstörer der Weltübel und Erhalter des Alls, Fülle der Seligkeit und reiner Wille. Was von Ormuzd kommt, ist lebendig, selbständig und dauernd, das Wort ist ein Zeugnis desselben. Die Finsternis ist dagegen der Körper des Ahriman, aber ein ewiges Feuer vertreibt ihn aus den Tempeln.

Der Zweck eines jeden ist, sich rein zu halten und diese Reinheit um sich zu verbreiten. Die Vorschriften hiezu sind sehr weitläufig, die moralischen Bestimmungen jedoch mild.

Es heißt, wenn ein Mensch dich mit Schmähungen überhäuft, dich beschimpft und sich dann demütigt, so nenne ihn Freund. Wer sich reinigt durch Heiligkeit des Gedankens, des Wortes und der Tat, ist auf dem richtigen Weg.

Was ist reiner Gedanke? Der, welcher den Anfang der Dinge bildet. Was ist reines Wort? Das Wort Ormuzd (das Wort ist so personifiziert und bedeutet den lebendigen Geist der ganzen Offenbarung des Ormuzd). Was ist reine Tat? Das ehrfürchtige Anrufen der himmlischen Heerscharen, welche im Anbeginn geschaffen sind. Es ist somit erforderlich, dass der Mensch gut sei: Eigener Wille und subjektive Freiheit werden vorausgesetzt.

Zu den Geschöpfen der irdischen Welt werden gehören die Fervers. Sie sind keine Geister nach unseren Begriffen, denn sie sind in jedem Körper, sei er aus Feuer, Wasser oder Erde. Sie sind von Urbeginn da, sind an allen Orten, in den Straßen und Städten und sind gerüstet, jedem Hilfe zu bringen, der sie anruft. Ihr Aufenthalt ist in Gorodman, dem Sitz der Seligen, über dem Himmel.

Eine wichtige Rolle spielt auch Dschemschid. Er scheint der zu sein, dessen Nachkommen Pischdadier heißen, zu denen auch der Perserkönig Cyrus gezählt wurde. Noch in den späteren Zeiten scheinen die Perser von den Römern mit dem Namen der Achämeneer bezeichnet worden zu sein. ( Horatii carm. III. 1. 44.) Jener Dschemschid, heißt es, habe mit dem goldenen Dolche die Erde durchstochen, was bedeutet, dass er den Ackerbau eingeführt habe. Er sei dann durch die Länder gezogen, habe Quellen und Flüssen den Ursprung gegeben, dadurch Länderstriche fruchtbar gemacht und die Täler mit den Tieren bevölkert.

Die Religion des Ormuzd als Kultus bedeutete vor allem, dass die Menschen sich dem Lichtreich gemäß verhalten sollen. Seinen Anhängern war besonders zur Pflicht gemacht, das Lebendige zu erhalten, Bäume zu pflanzen, Quellen zu graben, Wüsten zu befruchten, damit überall Leben, Positives, Reines sich ergebe und des Ormuzd Reich nach allen Seiten hin verbreitet werde. Dieser äußeren Reinheit ist es zuwider, ein totes Tier zu berühren, und es gibt viele Vorschriften, wie man sich davon zu reinigen habe. Von Kyros erzählt Herodot, dass, als er gegen Babylon zog und der Fluss Gyndes ein Ross des Sonnenwagens verschlang, er diesen ein Jahr lang zu bestrafen beschäftigt war, indem er ihn, um ihn seiner Gewalt zu berauben, in kleine Kanäle ableiten ließ. Xerxes ließ, als ihm das Meer seine Brücken zertrümmerte, diesem als dem Bösen und Verderblichen, dem Ahriman, Ketten anlegen.

de Chirico

Raffael (1482 – 1520): Die Schule von Athen, Vatikan

Der nur in seiner Lehre fortlebende Zarathustra

Die persische Götterwelt und der für sie so charakteristische Dualismus war bereits sehr lange vorhanden, als Zarathustra auftrat. Er wurde zum Neuschöpfer der alten iranischen Volksreligion. Über sein Leben ist sehr wenig bekannt. Er stammte aus einer wohlhabenden Familie des Ostirans, dem heutigen Afghanistan. Zoroaster lebte höchstwahrscheinlich im sechsten Jahrhundert vChr und wäre so ein Zeitgenosse Buddhas und Konfuzius’ gewesen. Als Persönlichkeit geriet er früh in Vergessenheit, umso mehr blieb seine Lehrverkündigung bekannt. Die Religion, wie er sie prägte, wurde ab 227 offizielle persische Reichsreligion und blieb es bis 642, bis sie durch den Sieg der islamischen Araber über die Sassanidenherrschaft völlig zurückgedrängt wurde.

Ahura Mazda

Zarathustra selbst erwuchs aus dem Polytheismus der altiranischen Naturreligion. Diesem setzte er Ahura Mazda gegenüber. Dieses reine Wesen hat ein teuflisches Gegenüber, Ahriman, durch dessen dauerndes Wirken die Welt gefährdet ist.

Ahura Mazda hat keine Körperlichkeit, wird aber als Flamme vorgestellt, welche aus ungeschaffenem Licht hervorlodert. Er hat sechs, Engeln vergleichbare, Wesen um sich, die man als seine verschiedenen Seiten betrachten könnte. Sie haben sowohl physische als auch geistig-moralische Bedeutung:
Vohu Manah, die gute Gesinnung,
Asha Vahista, die Gerechtigkeit und das Wahrsein,
Khshatra Vairya, das Reich des göttlichen Willens,
Spenta Armaiti, Demut oder Frömmigkeit,
Haurvatat, die Vollkommenheit,
Ameretat, die Unsterblichkeit,
später kam als siebentes Sraosha, der Gehorsam, hinzu. Man nannte diese Sieben Amesha Spentas, die das Heil bewirkenden unsterblichen Heiligen, die darauf achteten, dass nichts verwese und nichts verwelke, nichts verfalle und nichts vergehe. Der Rat der sieben Großen, welche der persische Monarch um sich hatte, ist als Nachahmung dieser Umgebung des Ormuzd zu verstehen.

Die Lehre von den letzten Dingen

Am Morgen des vierten Tages nach dem Tod geht jede menschliche Seele ins Jenseits. Sie muss die große Cinvat-Brücke, die Brücke der Trennung, betreten, die von dieser Welt ins Jenseits führt. Die Mitte der Brücke ist wie die Klinge eines Schwertes. Überschreitet sie der Fromme, ist sie waagerecht hingebreitet und fünfzehn Speerlängen breit, er gelangt ins ewige Licht. Will aber die Seele eines Übeltäters hinüber, dann steht die Schwertbrücke senkrecht mit messerscharfer Schneide nach oben. Der Gottlose stürzt hinab in den Abgrund.

9000 Jahre nach Zarathustra vollzieht sich die Auferstehung aller. Alle Verstorbenen erhalten ihre Körper wieder. An jedem wird sein einstiges Verhalten sichtbar. Der eine geht in den Himmel, der andere in die Hölle, wo er drei Tage lang gepeinigt wird. Dann kommt das große Feuer, das sich über alle ergießt. Alle Geschöpfe müssen durch den Feuerstrom. Für die Frommen ist er eine Wohltat, die Gottlosen meinen, sie müssen durch geschmolzenes Metall. Das Feuer reinigt alle und verbrennt die noch anhaftenden Schlacken der Unreinheit, so dass alle, auch die Bösen, in das Reich Ahura Mazdas gelangen. Diese Wiederherstellung aller Dinge nennt man Apokatastasis.

Der strenge Gedanke von Reinheit und Unreinheit manifestierte sich besonders in den Totenbräuchen. Im Mittelpunkt stand die Vorstellung, dass der Leichnam etwas Unreines sei. Die Grabstätte, zu der der Leichnam getragen wurde, ist der Dakhma, der Leichenturm, eine weit von der Stadt abliegende, als unrein geltende Stelle. Es handelt sich um ein etwa vier Meter hohes Gebäude, auf dessen Dach die nackten Leichen reihenweise niedergelegt wurden. Hier sind sie den Elementen und aasfressenden Tieren preisgegeben, die wie die Geier überall um diese Todesstätten herumschwärmen. Langsam werden die Leichen gefressen, oder sie trocknen ein. Die vom Fleisch entblößten Knochen werden dann im Erdgeschoß des Turmes aufbewahrt. So soll die Verunreinigung der Erde durch das Begraben des Leichnams oder die Verunreinigung des Feuers durch sein Verbrennen vermieden werden. Die unrein gewordenen Leichname werden so der Berührung durch die Elemente entzogen. Diese Totengebäude werden Türme des Schweigens genannt.

Dualismus

Die ersehnte Einheit kann also erst am Ende der Tage erreicht werden. Alle Tage dieses Äons sind von einem tief reichenden Gegensatz zwischen Gut und Böse erfüllt. Dieser Gegensatz wird aber nicht nur ethisch, sondern auch metaphysisch verstanden. Denn eine positive und eine negative Kraft, eine schaffende und eine zerstörende stehen sich von Anbeginn gegenüber. Der Fürst des Lichtes ist Ahura Mazda oder Ormazd, der Fürst der Finsternis ist Ahriman. Ahura Mazda kann nicht schaffen oder wollen, was seinem Wesen widerspricht. Darum kann er nicht Urheber des Bösen sein. Denn dann wäre er mitschuldig, nicht weise und nicht gütig, sondern erbarmungslos wie die Natur. Seine Macht ist begrenzt durch das Übel und das Böse, einer feindlich gesinnten Macht. Am Ende wird Ahura Mazda siegen. Das Feuer symbolisierte diese Kraft des Guten, der Feuerkultus fiel der Umwelt auch am meisten auf, daher wurden die Anhänger Zarathustras von den Moslems als Feueranbeter bezeichnet.

Faravahar

Faravahar, Symbol der Lehre des Zarathustra, Persepolis, um 500 vChr


Folgende Literatur wurde verwendet:

Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Vorlesungen über die Philosophie der Religion, Frankfurt:Suhrkamp 1971
Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte, Frankfurt:Suhrkamp 1971
Hans-Joachim Schoeps: Religionen, Gütersloh 1961
Hans Joachim Störig: Kleine Weltgeschichte der Philosophie, Stuttgart 1999

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