Die absolute Freiheit und der Schrecken

1. Der Einzelne und seine Grenzen

Jedes Individuum weiß sich selbst durch Einordnung seiner privaten Meinungen und Wünsche eins mit dem allgemeinen Willen. So etwa formulierte G.F.W. Hegel in seinem Werk Phänomenologie des Geistes das Verhältnis des Einzelnen zur Gemeinschaft.

Dass wir Menschen als soziale Wesen nicht in totaler Harmonie mit den anderen leben, erfährt schon jedes Kind mehr oder weniger schmerzhaft. In welcher Balance das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft zu halten ist, entzieht sich einer Regelung. Alle bisherigen Versuche, deren Griff auf hohe Ideale nur tiefe Stürze zur Folge hatten, sind gescheitert. Interessant ist aber, dass jene Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens und der staatlichen Ordnung, welche wenige Tendenzen entwickeln, das Individuum zu formen, die größten Entfaltungsmöglichkeiten für den einzelnen Menschen bewirken.

Der Anarchist Luigi Lucheni wollte in Genf den Prinzen von Orléans ermorden, welcher seine Reisepläne jedoch kurzfristig geändert hatte. Die österreichische Kaiserin Elisabeth war inkognito im Hotel „Beau Rivage“ abgestiegen. Lucheni hörte davon, lauerte der Kaiserin am 10. September 1898 auf und erstach sie, weil sie prominent und adelig war und er durch seine Tat Aufsehen erregen wollte, mit einer Feile.* Wenig später wurde er verhaftet und zu lebenslangem Kerker verurteilt, wo er zwölf Jahre später Selbstmord beging.

Von allen bisherigen Versuchen, die Menschheit zu neuen Ufern zu führen, gefällt mir der Anarchismus am besten: Er ist brillant, radikal und als politische Alternative völlig erfolglos. Letzteres verhinderte aber nicht, dass er über Leichen ging. Im Folgenden habe ich ein Kompendium der wichtigsten anarchistischen Grundsätze erstellt, welche vornehmlich auf den russischen Anarchisten Michail Bakunin* zurückgehen.



2. Anarchistischer Katechismus

Bakunin hat mit unvergleichlicher Intensität dem Anarchismus Form und Ausdruck gegeben, der radikalen Empörung gegen jede Entmündigung des Menschen. Aber nicht nur mit seiner Kritik am aristokratischen, parlamentarischen oder hellsichtig am parteikommunistischen Herrschaftssystem hat er wichtige antiautoritäre Fundamente freigelegt. So hat er auch gegen die Kirche als institutionalisierte Religion, die den Menschen mit einer übermächtigen Gottesvorstellung erdrückt, Position bezogen. Ebenso lehnte er eine Wissenschaft ab, die sich unkontrollierbar von der Gesellschaft entfernt, in der Überzeugung, dass aus einem religiös oder selbst wissenschaftlich begründeten Führungsanspruch schon immer generelle Machtansprüche gegenüber der Gesellschaft abgeleitet worden sind. So gelangte er zu folgenden Prinzipien, welche den Anarchismus insgesamt pointiert beschreiben:

3. Körper und Seele

Im tiefsten Grund unseres Ichs befindet sich keine unsterbliche Seele, sondern der Tod. Es ist ein platter Tod, ein Tod ohne die geringste metaphysische Bedeutung. Das individuelle Ich existiert in der Dimension des Todes nicht. Der Mensch gibt, wie es die Sprache bezeichnenderweise selbst ausdrückt, seinen Geist im Sterben auf. Das heißt, er gibt das, was wir Seele nennen, an das unpersönliche Sein zurück.

Der Mensch ist nur so lange ein einzelnes Ich, als er in diesem seinem Leibe lebt. Der leiblose Geist ist Allgemeinheit, weil ihm die Möglichkeit fehlt, sich in einem Anderen oder Fremden zu spiegeln. Deshalb wird auch dort, wo die Auferstehung vom Tode gelehrt wird, wie beim Apostel Paulus, ausdrücklich betont, dass die auferstandenen Toten wieder einen Leib besitzen werden. Der Tote kann nach Paulus nicht auferstehen, es sei denn im Körper, denn die Seele ist nur insofern eine einzelne als sie sich im anderen spiegelt. Daher erahnen wir in der Kunst wie in der Religion das Absolute, das wir weder in der Politik noch in der Ökonomie je antreffen werden. Mängelwesen können Vollkommenheit nicht schaffen, aber wir ahnen das Absolute, das Gute und das Vollkommene. Und indem wir es ahnen und uns danach sehnen, verwandeln wir die Tristesse unserer Niederungen in Lebenswelten, in denen Menschen wohnen und bleiben möchten. Auch wenn es nur Orte der Sehnsucht sind.

Gegen die verlockenden Verheißungen der Anarchisten, wie absolute Freiheit und vollkommene Gesellschaft, weiß der Realist, dass wir Menschen Mängelwesen sind. Wer ernsthaft seine absolute Freiheit realisieren will,, wird zum Wegbereiter des Schreckens.


Biennale von Venedig 2011

4. Konsequenzen

Der Historiker Paul Veyne hat einmal gesagt: Die griechische Demokratie glich einem Kriegsschiff, jeder war ununterbrochen in den verschiedensten Funktionen mit dem Betreiben des Schiffes beschäftigt. Die moderne Demokratie hingegen vergleicht er mit einem Dampfer. Es gibt eine Mannschaft, die betreibt das Schiff, und alle anderen werden gefüttert und unterhalten. Und hin und wieder wechseln sie die Mannschaft aus. So entstand eine abgehobene politische Kaste, die den Laden betreibt. Und ab und zu wird sie von den Bürgern abberufen. Ansonsten will man von der Politik in Ruhe gelassen werden und geht seinen Geschäften nach. Man sagt: Solange es gut geht, sollen die Politiker nur machen, das sind die Fachleute. Das ursprüngliche Vertrauen kann in politische Lethargie umschlagen. Demokratie ist vor allem eine Formfrage. Sie besteht in erster Linie in der Einhaltung von Gesetzen. Die heute so hervorgehobene politische Correctness führt zu zunehmendem Realitätsverlust, denn sie entspringt einer Sehnsucht nach dem totalen Guten.




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