Zwei böse Philosophen:
Denis Diderot und Paul-Henri Thiry d’Holbach

Ernst Cassirer schrieb 1932 in der Einleitung seiner bis heute einzigartigen Darstellung der Aufklärung,

der Rückgang auf die philosophische Vergangenheit will und muss stets zugleich ein Akt der eigenen philosophischen Selbstbesinnung und Selbstkritik sein. Mehr als jemals zuvor scheint es mir wieder an der Zeit zu sein, dass unsere Gegenwart eine solche Selbstkritik an sich vollzieht [...] Manches von dem, was uns heute als Resultat des „Fortschritts“ erscheint, wird freilich [...] seinen Glanz verlieren; und vieles, dessen wir uns rühmen, wird [...] seltsam und verzerrt erscheinen.

Cassirer schrieb dies einige Monate bevor er Deutschland verließ, da er sich über die gesellschaftlichen und politischen Tendenzen des damaligen Deutschland keine Illusionen machte.

Die Zeit, in der wir leben, ist natürlich eine andere als jene Cassirers. Jedoch glaube ich, dass für einen Menschen, welcher das Wagnis denkender Existenz auf sich nimmt, die Haltung die gleiche sein muss: Sapere aude!*

Glaube, Unglaube, Aberglaube

Wenn man nach einer allgemeinen Charakteristik des Zeitalters der Aufklärung sucht, scheint nichts so sehr festzustehen, wie die kritische und skeptische Haltung gegenüber der Religion. Wie kam es dazu? Man meinte, der selbständig denkende Mensch bedarf keiner besonderen religiösen Motive, um sittlich richtig zu handeln. Der Antrieb ergäbe sich für ihn aus der Vernunft. Die Masse der nicht selbständig Denkenden bedürfe allerdings einer Verstärkung der Antriebe zum sittlichen Handeln durch die Religion. Leider aber sind diese Menschen für reine religiöse Gedanken ebenso unempfindlich wie für Vernunftgründe.

Was sind nun die Hauptvorwürfe der französischen Aufklärer gegen die Religion?

Die Abkehr vom Glauben, in welche historische Form er sich auch kleidet und auf welche Gründe er sich auch stützen mag, erscheint als einziges Mittel, den Menschen aus Vorurteil und Knechtschaft zu befreien und ihm den Weg zu seinem wahren Glück zu erschließen.

„Vergebens, o Abergläubischer“, so lässt Diderot die Natur zum Menschen sprechen, „suchst du dein Glück jenseits der Grenzen der Welt, in die ich dich gestellt habe... Wage es, dich vom Joch der Religion, meiner übermütigen Nebenbuhlerin, die meine Rechte verkennt, zu befreien. Verzichte auf die Götter, die sich meine Gewalt angemaßt haben, und kehre zu meinen Gesetzen zurück... Wende dich wieder zur Natur, vor der du geflohen bist. Sie wird dich trösten, sie wird aus deinem Herzen all jene Ängste, die dich jetzt niederdrücken, und alle Unruhe, die dich zerreißt, verscheuchen... Gib dich der Natur, gib dich der Menschheit, gib dich dir selbst wieder – und du wirst überall Blumen auf deinem Lebenspfad finden... Man durchlaufe die Geschichte aller Nationen und aller Jahrhunderte: Man wird den Menschen immer drei verschiedenen Gesetzen unterworfen finden: dem Gesetzbuch der Natur, dem Gesetzbuch der Gesellschaft und dem Gesetzbuch der Religion. Jedes Gesetzbuch hemmt das andere und schränkt es ein. Es gilt zwischen Freiheit und Bindung, zwischen Erkenntnis und Glauben zu wählen.“

Doch diese radikalen Aussagen geben nicht die Vielfalt der geistigen Positionen der Aufklärung wieder. Goethe betrachtet den Konflikt zwischen Glauben und Unglauben als das tiefste, ja einzige Thema der Welt- und Menschengeschichte. Seit der Aufklärung geht der Streit nicht mehr um einzelne Dogmen und ihre Auslegung, sondern um die Art der religiösen Gewissheit. So ist es für nicht wenige Philosophen dieser Epoche nicht die Auflösung der Religion, sondern ihre Begründung und Vertiefung, nach der mit allen Mitteln gestrebt wird.

Nicht der Zweifel, sondern das Dogma ist der gefährlichste Feind des Wissens. Nicht die Unkenntnis, sondern die Unkenntnis, welche sich als Wahrheit ausgibt, ist das, was die Erkenntnis in ihrem tiefsten Kern angreift. So ist der eigentliche Gegensatz zum Glauben nicht der Unglaube, sondern der Aberglaube.





Baron Paul-Henri Thiry d’Holbach lebte von 1723 bis 1789.

Seine Lehre erscheint als ein System des schärfsten Determinismus* . In das Bild der Natur soll nichts eingeführt werden, das nur vom Menschen und seinem Begehren und Wollen her getragen ist. In der Natur gibt es nichts, was gerecht oder ungerecht, gut oder böse wäre. In ihr herrscht Gleich-Wertigkeit und Gleich-Gültigkeit alles Seins. Alles ist notwendig und kein Wesen kann anders handeln, als es tatsächlich handelt. So gibt es kein Übel, keine Schuld und keine Unordnung in der Natur. Es sei nichts als eine gefährliche Selbsttäuschung und eine geistige Schwäche, wenn der Mensch sich für ein freies Wesen hält. Der Bau der Atome sei es, der den Menschen formt, und ihre Bewegung sei es, die ihn vorwärts treibt. Bedingungen, welche nicht von ihm abhängen, bestimmen das Wesen des Menschen und lenken sein Schicksal. Die Forderung Baruch Spinozas, non ridere, non lugere, neque detestari, sed intelligere* , lag ihm also nicht fern.

Der Mensch muss sich von allen Idolen, von allen Illusionen über den Urgrund der Dinge freimachen. Nur so kann es ihm gelingen, die Ordnung seiner eigenen Welt selbständig in die Hand zu nehmen und sie sicher und ruhig durchzuführen. Bis jetzt sei es die Religion gewesen, die alles verblendet und verhindert hat. Sie ist für Holbach nur Aberglaube. Sie ängstigt den Menschen mit tausend Phantomen* . Sie raubt ihm jeden unbefangenen Genuss des Daseins. Nur die entschlossene und radikale Abwendung von jedem Spiritualismus* führt zur Befreiung des Menschen. Nach Holbach gilt es, die Ideen von Gott, Freiheit und Unsterblichkeit zu entwurzeln, damit nicht von der eingebildeten Welt her ständige Eingriffe in das Diesseits vollzogen werden, die seine Vernünftigkeit bedrohen. Die Welt wird niemals glücklich werden, wenn sie sich nicht entschließt, atheistisch zu werden. Er meinte, dass mit dem Verschwinden des Glaubens an Gott auch Streitigkeiten und Religionskriege verschwinden würden.





Denis Diderot lebte von 1713 bis 1784.

Im elften Buch des dritten Teils von Dichtung und Wahrheit schreibt Goethe:

Wenn wir von den Enzyklopädisten reden hörten oder einen Band ihres ungeheuren Werkes aufschlugen, so war es uns zumute, als wenn man zwischen den unzähligen bewegten Spulen und Weberstühlen einer großen Fabrik hingeht und vor lauter Schnarren und Rasseln, vor allem Aug' und Sinne verwirrenden Mechanismus, vor lauter Unbegreiflichkeit einer auf das mannigfaltigste ineinander greifenden Anstalt, in Betrachtung dessen, was alles dazu gehört, um ein Stück Tuch zu fertigen, sich den eigenen Rock selbst verleidet fühlt, den man auf dem Leibe trägt.

Damit beschrieb Goethe die mechanistische Kälte einer Sicht auf die Welt, welche das, was sie für Vernunft hielt, zum alleinigen Kriterium ihres Denkens machte.

Das Zeitalter der Religion und der Philosophie ist dem Jahrhundert der Wissenschaft gewichen, meinte Denis Diderot in der Einleitung seiner aus 28 Bänden bestehenden Enzyklopädie , welche zwischen 1751 und 1780 erschienen ist. Die Enzyklopädie* sollte das gesamte Wissen der Zeit zusammenfassen und ordnen. Sie sollte ein gewaltiges Bollwerk sein gegen alles, was ihren Verfassern alt und überholt erschien. Trotz mehrmaliger Verbote wurde die Enzyklopädie zum am meisten verwendeten Lexikon der europäischen Bildungsschicht und hatte einen beträchtlichen Einfluss auf die allgemeine Denkart. Sie war auf geistigem Gebiet, neben den Schriften Voltaires und Rousseaus, das wichtigste Werkzeug zur Vorbereitung der Französischen Revolution.

Diderot war durchaus skeptisch und zurückhaltend, wie es auch im Schlussabschnitt seiner „Interpretation der Natur“ zum Ausdruck kommt:

Ich habe mit der Natur angefangen, und ich werde mit dir endigen, dessen Name auf Erden Gott ist. Ich weiß nicht, ob du bist, aber ich werde denken, als ob du in meine Seele blicktest. Ich werde handeln, als ob ich vor dir wandelte. Ich verlange von dir nichts in dieser Welt, denn der Lauf der Dinge ist, wenn du nicht bist, durch sich selbst oder, wenn du bist, durch dein Gebot notwendig... Siehe, so bin ich ein notwendig organisierter Teil der ewigen und notwendigen Materie, vielleicht dein Geschöpf...

Dies erinnert ein wenig an das Gebet, das Voltaire in seiner Erzählung Micromégas eine seiner Gestalten sprechen lässt: „Möge Gott (falls es einen gibt) meiner Seele gnädig sein (falls ich eine habe).“

Exkurs zum Begriff des Deismus

Deismus und Deist (vom lat. deus) sind Analogiebildungen zu Atheismus und Atheist. Sie bezeichnen, genau wie Theismus und Theist, dem Wortsinn nach nur den Glauben an das Dasein Gottes, gewöhnlich aber mehr. Sie waren ursprünglich Selbstbezeichnungen derjenigen, die weder Atheisten noch Anhänger eines ererbten Offenbarungsglaubens sein wollten, sondern beim Bekenntnis zur natürlichen Religion stehen blieben, ohne deshalb immer die Möglichkeit des Offenbarungsglaubens zu bestreiten. Theismus und Theist kamen um 1670 auf, gleichfalls mit dem Doppelsinn von Glauben an das Dasein Gottes und Beschränkung auf die natürliche Religion.

Diderot versuchte zu differenzieren: Der Deist leugnet die Offenbarung, der Theist lässt sie zu. Der Deismus, eine theoretische Lehre mit weit reichenden praktischen Folgen, verbreitete sich im 17. und 18. Jh. über ganz Europa und strahlte auch nach Nordamerika aus. Er kann als die Religionsphilosophie der Aufklärung bezeichnet werden. Die Deisten haben jedoch nirgends eine Schule mit kontinuierlicher Tradition und fester Lehre gebildet. Sie waren meist voneinander isoliert und vertraten oft divergierende Meinungen. Allen Deisten gemeinsam war der rational fundierte Glaube an das Dasein Gottes. Über seine Attribute herrschte aber niemals Einigkeit.

Als Kern des Deismus können folgende Aussagen gelten: Gott sei als ein vollkommener Konstrukteur zu denken, der in den Funktionsablauf der Weltmaschine nicht mehr einzugreifen brauche. Dazu stellte Lord Herbert von Cherbury fünf Prinzipien auf, die jeder Religion zugrunde liegen sollten:

Die meisten Deisten akzeptierten diesen Kanon, aber nicht alle. Denn manche strichen aus moralphilosophischen Erwägungen den Artikel der jenseitigen Vergeltung.



Resümee

Die Aufklärung in England und in Frankreich dachte in der Erkenntnistheorie vor allem empiristisch, die Metaphysik wurde durch Materialismus ersetzt, Moral und Gesellschaftstheorie betrachtete man naturalistisch. Die Aufklärung wandte sich gegen jede Form der Autoritätsgläubigkeit und Traditionsgebundenheit. Sie meinte, dass der Mensch die Natur, deren Teil er ist, voll und ganz erkennen kann. Doch müsse er lernen, seine Vorurteile abzulegen und Vernunft und Sinne auf methodische Weise zu gebrauchen. Die Religion und der Glaube an Übernatürliches stehen dem Erwerb von Erfahrungswissen über Natur, Mensch und Gesellschaft im Wege. Dieses Wissen wird aber als notwendige Voraussetzung angesehen, um den eigentlichen Menschheitszweck zu erreichen, das Glück des Individuums und seine persönliche Selbstentfaltung.

Man meinte, je mehr die Vernunft die Oberhand gewinne und Irrtümer, Aberglaube und Vorurteile als solche entlarvt, desto näher kommt der Mensch einem Goldenen Zeitalter, in dem Toleranz, Frieden und Harmonie herrschen. Diese Betonung der Vernunft und des Intellekts auf Kosten von Phantasie und Gefühl führte zunächst zu den Exzessen der Schreckensherrschaft während der Französischen Revolution, in welcher in Notre Dame ein Kult zur Verehrung der Göttin der Vernunft stattfand: Eine Schauspielerin tanzte am Altar, um den Sieg der Vernunft über den Aberglauben zu symbolisieren.

Max Horkheimer und Theodor Adorno schreiben in ihrem berühmten Buch Dialektik der Aufklärung: "Seit je hat die Aufklärung im umfassenden Sinn fortschreitenden Denkens das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen. Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils.“ (S. 9) Das Programm der Aufklärung war die Entzauberung der Welt. Sie wollte die Mythen auflösen und Einbildung durch Wissen stürzen. Der Verstand, der den Aberglauben besiegt, soll über die entzauberte Natur gebieten. Das Wissen, das Macht ist, kennt keine Schranken, weder in der Versklavung der Kreatur noch in der Willfährigkeit gegen die Herren der Welt. Was die Menschen von der Natur lernen wollen, ist, sie zu verstehen, um sie und die Menschen vollends zu beherrschen. Es soll kein Geheimnis geben, aber auch nicht den Wunsch seiner Offenbarung. Die alten Fragen nach dem Sinn des Lebens und danach, was nach dem Tode kommt, verbieten sich daher von selbst.

Was sich dem Maß von Berechenbarkeit und Nützlichkeit nicht fügen will, gilt uns Aufgeklärten als verdächtig. Horkheimer und Adorno gelangen zum radikalen Ergebnis: „Aufklärung ist totalitär.“ (S. 12) Die Menschen bezahlen die Vermehrung ihrer Macht mit der Entfremdung von dem, worüber sie die Macht ausüben.

Zugespitzt formuliert legte die Aufklärung das Fundament zur Vergötzung des vermeintlich Faktischen und der Macht, von der die Technik kontrolliert wird. Zum Schweigen gebracht wurde das kritische Potenzial der Religion, das die Anbetung des Goldenen Kalbes als eine Ursünde ansah. Der den Blicken des Volkes und der Überprüfbarkeit entzogene, vor dem Angesicht Gottes weilende, Moses hatte angesichts der Sehnsucht des Volkes nach dem Überschaubaren, als ob das bereits alles wäre, keine Chance...



Paul Moreau-Vauthier (1871-1936): Aux victimes des révolutions, 1907-1909, Square Samuel de Champlain, Paris


Verwendete Literatur:

Pierre Bayle: Historisches und kritisches Wörterbuch (1697), Felix Meiner 2003
Ernst Cassirer: Die Philosophie der Aufklärung (1932), Felix Meiner 2007
Historisches Wörterbuch der Philosophie, hg. von Joachim Ritter, Schwabe & Co 1971f
Max Horkheimer und Theodor Adorno: Dialektik der Aufklärung (1944), Fischer 1969
Lexikon für Theologie und Kirche, Herder 1986
Philosophielexikon, hg. von Anton Hügli und Poul Lübcke, Rowohlt 1991
Hans Joachim Störig: Kleine Weltgeschichte der Philosophie (1950), Kohlhammer 1999

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