Gustave Moreau (1826 – 1898): **Hesiod und die Muse, Cambridge MA (Ausschnitt)

Das Götterinferno des Hesiod

Ursprungsgeschichten sind Mythen mit einem fast suggestiven Orientierungswert. Sie weisen weit über den Anfang, den sie erklären wollen, hinaus, weil sie zu grundsätzlichen Aussagen über das Dasein gelangen. Hegel meinte in seiner Philosophie der Geschichte, dass die Religion der Ort ist, wo sich ein Volk die Definition dessen gibt, was es für das Wahre hält.

Der Kosmos, wie ihn die alten Griechen kannten, enthüllte einen Blick in den Abgrund, der gleichzeitig eine andauernde Erinnerung daran bildete, welchem Grauen die Zivilisation der Gegenwart abgerungen wurde.

Am Anfang gebar, von Eros geschwängert, Gaia den Uranos. Dieser bedeckte und begattete sie. Daraus entstand, nach Gaia und Uranos, die zweite Göttergeneration, die Titanen. Uranos hasste die Titanen, also die Kinder, die er mit seiner Mutter gezeugt hatte. Er stopfte sie zurück in ihren Leib. Gaia sprach zu ihnen: „Ihr Söhne, die ihr aus mir und einem Zornigen hervorgegangen seid, wir werden den verbrecherischen Frevel eines Vaters rächen, auch wenn er euer eigener Vater ist, denn als erster hat er schändliche Werke geplant.“

Kronos, einer der Titanen, übernahm die Aufgabe des Rächers. Als sein Vater Uranos wieder in Gaia eindringen will, kastriert er ihn mit einer Sichel. Er wirft die Geschlechtsteile ins Meer. Aus dem Schaum, der sich bildet, entsteht Aphrodite.

Kronos tritt nun an die Stelle seines Vaters. Mit seiner Schwester Rhea zeugt er die dritte Göttergeneration, Hestia, Poseidon, Hera, Zeus, Demeter und Hades. Kronos hatte von seinem Vater erfahren, dass er eines Tages durch seinen eigenen Sohn umkommen werde. Darum verschlang Kronos seine Kinder, sobald sie das Licht der Welt erblickten. Nur Zeus blieb verschont, denn Rhea versteckte ihn auf Kreta in einer unzugänglichen Grotte. Der zurückgekehrte Zeus zwang seinen Vater, die aufgefressenen Geschwister wieder auszuspeien. Es entbrannte daraufhin ein furchtbarer Kampf zwischen Zeus und seinen Geschwistern und Kronos und den anderen Titanen. Aus diesem Titanomachie genannten Kampf ging Zeus als Sieger hervor. Zeus war klug und etablierte nun ein System der Gewaltenteilung. Das Meer sprach er Poseidon zu und die Unterwelt dem Hades. Kronos durfte auf der Insel der Seligen verweilen, wo er eine milde Herrschaft ausübte. Zeus und die Seinen wussten, dass sie zur hellen Seite der Welt gehörten und nicht mehr die Tiefe der Nacht erfüllten.

Irgendwann in diesen *theogonischen und *kosmogonischen Turbulenzen taucht der Mensch auf. Die Menschen wurden nicht von den Göttern geschaffen, sondern sind aus der Erde entstanden. Sie mischten sich unter die Götter, lebten dahin ohne Betrübnis und fern von Mühe und Leid.

Während Hesiod (8.Jhd.v.Chr.) in diesen Göttermythen die Aufeinanderfolge der Generationen begründet, gibt er bei den Menschen keine genaue Begründung, warum die Geschlechter aufeinander folgen. Vom ersten, dem goldenen Geschlecht sagt er nur, dass es verschwand, ohne einen Grund anzugeben. Das silberne Geschlecht haben die Götter, heißt es weiter, viel minderwertiger gemacht, dies wird aber auch nicht begründet. Die Götter vernichten es wegen seiner Hybris. Das folgende eherne Geschlecht zerstört sich selbst, denn es war roh und kriegerisch. Dann schuf Zeus das Heroen-Geschlecht, das gerecht und besser war, doch es kam in den Kriegen vor Theben und Troja um und wurde ins Elysion versetzt. Schließlich erscheint das jetzt noch lebende, das eiserne Geschlecht. Es bleibt unklar, warum oder woher es entstand. Es herrschen Unrecht und Gewalt, Aidos und Nemesis haben die Erde verlassen.

Aidos, Scheu und Sittsamkeit, und Nemesis, Gerechter Unwille und Ehrgefühl, drücken die Sehnsucht nach hoher Sittlichkeit aus. Ihr Verschwinden kennzeichnet die Gegenwart.

Wie es weiterging, erzählen mehrere Mythen. Nach einer gängigen Version hockten die Menschen dumpf und tatenlos in ihren Höhlen, denn sie kannten die Stunde ihres Todes. Da erschien bei ihnen Prometheus und schenkte ihnen das Vergessen. Zwar wussten sie auch weiterhin, dass sie sterben würden, nicht aber wann. So entstanden unter ihnen Arbeitseifer und Gestaltungswille, die Prometheus mit dem Geschenk des Feuers, das er verbotenerweise von den Göttern stahl, belohnte. Prometheus legte so den Grund für das Misstrauen der Götter gegen die Menschen.

In der griechischen Mythologie sind die Menschen ihren Ursprüngen entkommen wie einer Katastrophe. Sie tragen diese jedoch mit sich und bewirken sie immer wieder. Der heimkehrende Odysseus, der vieles hatte erdulden müssen, richtete unter den Freiern ein Blutbad an. Es gab nie einen Grund, warum die Angehörigen von Ermordeten nicht Blutrache üben sollten und warum das Morden nicht weitergehen sollte. Nur ein Machtspruch des Zeus vermochte das Wüten der Gewalt einzudämmen.

Hesiod malt die Entwicklung der Menschheit düster. Merkwürdig ist dabei, dass er, wenn er den Verfall der Menschheit schildert, nicht nach den Gründen forscht. Das Leben der Menschen erschien ihm elend und verdorben. Die Sterblichen erschienen ihm nicht nur hinfällig und schwach, sondern ungerecht und schamlos. Damit verdeutlichte er die Kluft zwischen der Welt der täglichen Erfahrung und dem Eigentlichen und Wesentlichen, wie die Welt sein sollte. Die Themen der griechischen Philosophie leuchten hier bereits auf: Schein und Sein, Wirklichkeit und Idee.

Wenn wir unsere heutige Zeit zu charakterisieren versuchen, so dürfen zwei Begriffe nicht fehlen: Wissenschaftsgläubigkeit und Mythenferne. Schon lange leben die Menschen in der Überzeugung, mit Hilfe der Kausalität bis zum Urgrund des Seins vordringen zu können, um zu erkennen und zu korrigieren. Es wäre töricht, dem hier gegenzusteuern oder alternative Konzepte zu entwickeln. Der Glaube an die Machbarkeit der Welt und die Auflösung des Mythos und damit die Beliebigkeit der Werte stehen inzwischen im Zentrum unserer Lebenserfahrung.

Da liegen Gedanken wie der berühmte Spruch des Anaximander (610 – 547) völlig fern:

Was ist euer Dasein wert? Und wenn es nichts wert ist, wozu seid ihr da? Durch eure Schuld, merke ich, weilt ihr in dieser Existenz.

Dieser Gedanke ist auch bei Hesiod spürbar und findet in den Dramen des Aischylos (525 – 456), des Sophokles (496 – 406) und des Euripides (485 – 406) seinen Höhepunkt. Die Figur des Ödipus ist wohl der deutlichste Ausdruck dieser Sicht. Schuldlos wird Ödipus schuldig.

Friedrich Nietzsche (1844 – 1900) erkannte diese Brisanz der antiken Weltsicht. In seinem Frühwerk Die Geburt der Tragödie aus dem Jahre 1872 beschreibt er das Wesen der griechischen Tragödie als fortwährende Buße, die zum Untergang führt. Die Moralisierung reagiert auf die erfahrene *Daseinskontingenz mit einer Abwendung vom Leben. Es kommt zu keiner Rechtfertigung des Daseins, sondern dieses erscheint als nichts wert, ja weniger wert als das Nichts. Arthur Schopenhauer (1788 – 1860) fasst den wahren Sinn der antiken Tragödie in der Erkenntnis zusammen, dass, was der Held abbüßt, nicht seine einzelnen Verfehlungen sind, sondern die Schuld des Daseins selbst. Schopenhauer übersetzte auch einige wichtige Werke der alten spanischen Literatur ins Deutsche, unter anderem auch Pedro Calderón de la Barca’s Das Leben ein Traum. Darin heißt es:

Da die größte Schuld des Menschen
Ist, dass er geboren ward.

Dies könnte auch aus einer antiken griechischen Tragödie stammen.


Telc, CZ: Brunnen des Silen, 1872

König Midas hatte Silenos, den Lehrer und Begleiter des Dionysus, des Gottes des Rausches und der Ekstase, von seinen Häschern im Wald fesseln lassen, da er hoffte, von dem Satyr in Erfahrung bringen zu können, was für den Menschen das Beste sei. Lange widerstand der Gefangene. Erst unter schwerster Folter offenbarte er seinem Peiniger die Wahrheit. Seither ist die Antwort als Weisheit des Silen überliefert und als solche zumindest zweieinhalbtausend Jahre alt. Denn die früheste bekannte Schilderung des Mythos vom gefangenen Satyr stammt vom griechischen Historiker Herodot (490 – 425). Die unliebsame Wahrheit nun, die Midas erfuhr, formulierte Sophokles in der Tragödie Ödipus auf Kolonos so:

„Das Beste ist, nicht geboren zu sein, aber wenn man kam zum Licht, ist das Zweite, wieder dorthin zu gehen, von woher man kam, aufs schnellste.“

Nietzsche verglich die Welt mit einem spielenden Kind. Das Spiel ist eine Bewegung mit aufbauenden und zerstörerischen Momenten. Das Zerstörerische kommt nicht von außen, sondern ist ein Teil des spielenden Vollzugs. Das Spiel des Kindes ist grundlos und willkürlich, aber es kann Ordnung entstehen, denn das Kind gestaltet und formt, fast gesetzmäßig. Das Spiel enthält auch eine befriedigende Aktivität. Die Lust am Spiel liegt nicht in der Erreichung eines Ziels, sondern im Vollzug der spielerischen Tätigkeit. Gut und Böse kommen in dieser Deutung nicht mehr vor...

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