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Krieger und Helden

1. Zum Geleit

Das verheerendste Ereignis der überlieferten Geschichte war wohl der Schwarze Tod* , der in der Zeit von 1348 bis 1352 schätzungsweise ein Drittel der zwischen Island und Indien lebenden Bevölkerung hinwegraffte. Dieses vierzehnte Jahrhundert wird als eine gewalttätige, gequälte, verwirrte, leidende und zerfallende Zeit beschrieben, ein Zeitalter, in dem, wie viele glaubten, Satan triumphierte. Wenn unser Jahrhundert eine Zeit erlöschender Gewissheiten und ungewöhnlicher Konfusion ist, dann ist es nicht ganz beunruhigend zu wissen, dass die Menschheit schon Schlimmeres durchlebt hat.

In der Zeit des Schwarzen Todes prangerte man wirtschaftliches Chaos, soziale Unruhe, steigende Preise, Profitsucht, Niedergang der Moral, Vergnügungswahn, Verschwendungssucht, Luxus, Ausschweifung, Habgier, Geiz und Misswirtschaft an. Der Historiker Jean Charles Léonard de Sismondi beschrieb das 14. Jahrhundert als keine Zeit für Menschlichkeit. Die meisten Historiker bringen dieser Epoche wenig Interesse entgegen, weil es nicht in ihr Bild vom beständigen Fortschritt der Menschengattung passt. Aber nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts kann man ein größeres Mitgefühl für dieses zerrissene Zeitalter empfinden, dessen Ordnung unter dem Druck ungünstiger und gewalttätiger Verhältnisse zusammenbrach. Wir erkennen alle Anzeichen einer Zeit der Qual, in der es kein Gefühl einer gesicherten Zukunft gibt.

Der zeitliche Abstand von fast siebenhundert Jahren lässt das Typische des menschlichen Charakters hervortreten. Denn im Mittelalter herrschten Lebensbedingungen, die von den unsrigen derart verschieden sind, dass man fast von einer fremden Zivilisation sprechen kann. Infolgedessen erscheinen uns die Eigenschaften, die wir in dieser fremdartigen Umgebung als vertraut wiedererkennen, als unveränderliche menschliche Natur.

Seit 1945 leben wir in einem der gewaltärmsten Staaten, den die Menschen je erlebt haben. Genau das scheint aber manche zu beunruhigen. Warum? Eine der Ursachen der Klage über die zunehmende Gewalt und besonders die der Jugend dürfte sein, dass sich die staatliche Autorität immer mehr zurückgenommen hat. Dies geht mit der Beobachtung einher, dass die Menschen hemmungsloser ihren Egoismus und ihre Bedürfnisse ausleben.

Demokratie wird von vielen Menschen als eine zuerst nach innen und in der Folge auch nach außen gewaltfreie politische Form angesehen. Die staatliche Gewalt hat bei uns aufgehört, offiziell zu foltern, aber sie hat sich in diesem Jahrhundert in Krieg und Völkermord nach außen wie nach innen in einem Ausmaß und einer Art ausgetobt, die uns einen durchgängigen Prozess der Zivilisation dieser Gewalt nicht so recht plausibel erscheinen lassen wollen.

Die technisierten Massentötungen des Ersten Weltkriegs waren eine tiefe Erschütterung für den Glauben an einen Fortschritt der Humanität. Sie haben eine ganze Generation von Literaten und Malern zu Untergangsvisionen veranlasst. Ausrottungspolitik als politische Option stellte einen Zivilisationsbruch in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts dar. Gerade Europa, der vermeintliche Hort der Zivilisation, hat in diesem Jahrhundert Erfahrungen von staatlich organisierter Gewalttätigkeit gemacht, die historisch allenfalls mit der des Dreißigjährigen Krieges zu vergleichen, tatsächlich aber zumindest durch ihre technische Perfektion und Kälte auf dem fortgeschrittensten Stand der Entwicklung von Destruktivkraft unvergleichbar ist, die rein instrumentelle Behandlung von Menschen, ihre Verplanbarkeit bis in die Sklavenarbeit und die kollektive Vernichtung.

2. Zwei Bilder

Dieses Bild gehört zu den bekanntesten der jüngeren Zeitgeschichte. Es fand ein Millionenpublikum, bevor es weltweit viele Zeitungen als Titelbild wählten. Seit mehr als einem halben Jahr fasziniert diese Aufnahme aus dem Situation Room des Weißen Hauses die Öffentlichkeit. Es sind ranghöchste Politiker, ihre Berater und Militärs zu sehen, während sie über den Verlauf der Militäraktion informiert werden, deren Ziel die Tötung Usama Bin Ladins war. Das Bild wurde zuerst auf Flickr.com veröffentlicht. Alles Weitere überließ man der Spekulation.

Das Bild ist der propagandistische Schlussstrich zu den Ereignissen des 11. September 2001 und in einem gewissen Sinn ein kultureller Gegenentwurf der Präsentation des toten Gaddafi. Es stellt eine eigene Form domestizierter Kriegsfotografie dar. So, wie die abgebildeten Personen aus dem Bild herausstarren, so zieht es uns als Beobachter in das Geschehen hinein. Das Bild zeigt die Akteure, unter ihnen den mächtigsten Mann der Weltº, der merkwürdig klein und in fast demütiger Haltung erlebt, zu welchen Handlungen ihn sein Amt zwingt. In diesem Bild geht es um Weltgeschichte, die auf einen Augenblick verkürzt wurde. Es geht um den Gegensatz militärischer und humaner Weltgestaltung, gezeigt durch den Brigadegeneral am Computer und die Politikerin Hillary Clintonº, welche als Einzige, man unterstellte: erschrocken, auf die Ereignisse reagierte.* Neben dem Präsidenten liegt ein „Burn Bag“, eine Tasche für Dokumente, die nach Gebrauch inklusive Inhalt verbrannt werden. Auf dem Tisch liegt ein im Nachhinein verpixeltes Dokument. Der Betrachter weiß, in diesem Moment passierte etwas Dramatisches.



3. Der Krieger des Chaos

Im Batman-Film The Dark Knight gehört ästhetisch die Sympathie letztlich sogar dem Bösen. So grandios, fulminant und intensiv ist dieser von Heath Ledger verkörperte schmatzende und züngelnde Joker, dass Batman sich in seiner schwarzen Rüstungsstarrheit vergeblich müht, gegen seinen irren und genialen Widersacher anzuspielen. Ein feixender Clown in einer lächerlichen Kleidung mit dem Zeitzünder in der Hand: „Ich bin das Chaos“ − selten war dieser Satz glaubhafter als aus dem Munde dieses Exemplars der Spezies Mensch. Der Böse ist hier moralisch tatsächlich sehr böse, aber einfach gut. Das Ästhetische, das den Horror ausmalt und zugleich übermalt, übertreibt und auf Distanz hält, fasziniert uns und macht in diesem Film den Bösen zum unheimlichen Helden.

Wenn wir uns fragen, wie private Rohheit und Gewalttätigkeit erzeugt oder zumindest befördert werden, dann ist die Erfahrung von kriegerischen Unternehmungen als Erfahrung des demütigenden Ausgeliefertseins der Wehrlosen ebenso wie die Erfahrung des Herrischen der gewalttätigen Rotte mit den überlegenen Waffen von Bedeutung. Im Auftrag des Staates oder wegen eines angestrebten Ziels zu morden und zu vergewaltigen, ist wesentlich einfacher, als es auf eigene Rechnung zu tun. Dies ist wohl ein Hauptgrund, warum immer genügend Menschen bereit sind, mit brutalen Mitteln untergehende Despotien zu unterstützen, wie dies jetzt in einigen arabischen Ländern zu beobachten ist. Die mordende Soldateska in Syrien erweckt in uns Abscheu, aber warum fasziniert uns der um nichts bessere Joker? Weil er ein Einzelgänger ist und sich über alles hinwegsetzt, alles in Kauf nimmt, auch den möglichen eigenen Untergang.

4. Krieger und Märtyrer


Karl Heinrich Möller: Athene bewaffnet einen jugendlichen Krieger,
Schlossbrücke in Berlin, 1851

In Kulturen, die sich immer wieder kriegerisch behaupten müssen, genießt die Bereitschaft, das eigene Leben für die Gemeinschaft einzusetzen, nicht nur eine hohe gesellschaftliche, sondern auch eine spezifisch politische Verehrung. Ein besonders prägnantes Beispiel lieferte das klassische Athen, und zwar bei der jährlichen Feier der Großen Dionysien, anlässlich der Aufführung von Tragödien.

Zunächst brachten die zehn Strategen* dem Dionysos ein Trankopfer dar − vor dem Theater, welches in der Überlieferung Plutarchs mit etwa zwanzigtausend athenischen Bürgern gefüllt war. Danach wurden die Beiträge der Bundesgenossen Athens hereingebracht und in der „Orchestra“ des Theaters aufgestapelt, genau sortiert in Behältern mit 26 Kilogramm Silber, Talent genannt. Diese Beiträge benutzte Athen nicht nur, um die Flotte zu unterhalten, sondern auch, um auf der Akropolis Prachtbauten zu errichten. Dies waren keine Beiträge von Bündnisgenossen, sondern Tribute von Unterworfenen. Schließlich zogen die soeben erwachsen gewordenen Kriegswaisen feierlich ins Theater ein, in Waffen und voller Rüstung, welche ihnen von der Stadt übergeben worden waren. Ein Herold stellte sie den versammelten Bürgern vor. In der Rede Gegen Ktesiphon des Aischines* heißt es: „Diese jungen Männer, deren Väter als tapfere Kämpfer gefallen sind, sind auf Kosten des Volkes bis zur Volljährigkeit aufgezogen worden. Nun hat das Volk sie mit der Rüstung ausgestattet und entlässt sie mit allen guten Wünschen aus seiner Obhut.“ Dann wies er ihnen gesonderte Ehrensitze zu.

Im Jahre 963 kam es zu einer denkwürdigen Auseinandersetzung zwischen dem byzantinischen Kaiser Nikephoros Phokas und dem Patriarchen von Konstantinopel. Der Kaiser hatte soeben die arabischen Besatzer aus Kreta vertrieben. Nun plante er einen großen Krieg, um Ostanatolien und Nordsyrien von der muslimischen Herrschaft zu befreien. Er ließ ein Konzil einberufen, damit die versammelten Bischöfe einen entscheidenden Beschluss fassten. Der Kaiser bat sie, das Konzil* möge denjenigen Soldaten, die im Kampf gegen die Muslime fielen, den Rang von Märtyrern zuerkennen. Das hätte bedeutet, dass diese Soldaten unter Umgehung des göttlichen Gerichts direkt ins Paradies eingingen, eben wie die Märtyrer. Der Patriarch lehnte die Bitte des Kaisers ab. Seine Begründung war, dass kein kirchliches Konzil imstande sei, Gottes Ratschluss vorwegzunehmen. Allein Gott entscheide über das Heil.

Diese Szene war eine Schlüsselszene von großer Tragweite. Der Kaiser wusste sehr genau, was auf dem Spiele stand. Immer wieder hatten die Byzantiner miterleben müssen, wie die muslimischen Truppen mit einer Tapferkeit kämpften, zu der die Christen nicht bereit waren. Die Muslime schienen den Tod nicht zu scheuen, sondern sie suchten ihn geradezu, denn sie galten dadurch als Märtyrer für den Glauben und gelangten als Gefallene geradewegs ins Paradies.

In den beiden Religionen unterscheidet sich der Begriff des Märtyrers grundlegend. Christliche Märtyrer gehören einem völlig anderen Typus an. Bei ihnen besteht der Kampf darin, ihr Selbst zu überwinden, um Qualen oder den Tod erleiden zu können. Christliche Märtyrer folgen dem Leiden Jesu, woraus sich ein rein passives Erleiden von Folter und Tod ergibt. Dieses Leiden erfordert einen radikalen Verzicht auf Gegenwehr. Wer Gewalt anwendet, um sich seines Lebens zu wehren oder die Folterer zu bekämpfen, verliert den Märtyrerstatus. Somit sind christliche Märtyrer keine Helden, denn sie kämpfen gegen keinen menschlichen Feind. Das christliche Märtyrertum konnte sich weit seltener ereignen, weil es nur in einer Situation akuter Verfolgung aufzutreten vermochte. Eine solche Situation wurde üblicherweise nicht vom Verfolgten herbeigeführt, sondern lag vielmehr in den Händen der Verfolger. Ganz anders verhielt es sich hingegen mit der Situation, in welcher Muslime zu Märtyrern wurden. Der muslimische Märtyrer ist ein aktiv Kämpfer, der den ungläubigen Feind bewaffnet bekämpft und dabei umkommt. Die Situation des Kampfes ist in hohem Maße herstellbar durch politische Willensakte der Gemeinschaft der muslimischen Gläubigen oder einzelner Teile dieser Gemeinschaft. Entscheidend für die Todesbereitschaft der Krieger ist das unverbrüchliche Versprechen, dass wer für seinen Glauben stirbt, das ewige Heil erhalte. Mit diesem sakralen Mittel mobilisierten bereits die Makkabäer ihren heiligen Krieg gegen den seleukidischen König*. Das Heilsversprechen ist zentral für die Konstitution eines heiligen Krieges unter monotheistischen Bedingungen. Im Koran ist in der vierten Sure, 74 zu lesen: Und wenn einer um Allahs willen kämpft, mag er umkommen oder siegen, werden wir ihm großen Lohn geben. Und weiter im Ajat 77 heißt es: Die Gläubigen werden für die Religion Allahs kämpfen, die Ungläubigen aber für die Religion des Irrglaubens. Kämpft gegen die Freunde des Satans!

5. Noch eine Anmerkung


Venedig, Biennale 2011

Im Abenteuer ergreift der Held die Gelegenheit der Selbsterprobung. Das muss man auch dann noch berücksichtigen, wenn man vom Fernsehen heute das Abenteuer im Dschungelcamp geboten bekommt. Die Show bietet große Gefühle, aber in einer kontrollierten Situation. Man lässt sich überraschen und aufregen − kann aber jederzeit rausgehen oder ausschalten. Man begibt sich in eine Gefahr, die man aber nicht ernst nehmen muss. Heldentum wurde zur Farce* in den Sendungen der Massenmedien.

Aber jedem steht es frei, ob er seine Helden gegen die Gespenster der Unterhaltungsmedien eintauschen will. Immer noch gibt es die Möglichkeit, einen anderen Weg zu wählen. Zwar gibt es eine große Abneigung gegen Klassiker und Bildung überhaupt, nicht selten unter dem Deckmantel einer antiheroischen Einstellung. Der antiheroische Affekt entsteht aus dem Ressentiment gegen die Selbsttranszendenz. Denn der Held erinnert uns daran, dass das bloße Leben und Überleben nicht das ganze Leben ist. Der Held ist das Über-sich-hinaus des Menschen. Seine Geschichte erzählt, was vielleicht niemals geschah, aber immer ist. Sie befriedigt das unzerstörbare Bedürfnis nach der bedeutsamen Geschichte, nach dem großen Ereignis in seiner Anschaulichkeit und Erzählbarkeit. Während wir alles ins Kalkulierbare verwandeln wollen, legt der Mythos das Geschehen als eigenständiges Tun aus, als Handlung. Der Tod des Helden lässt dann seine Geschichte zurück, die sein Wesen zeigt. Deshalb gehören zu den großen Taten der Eigenständigkeit die großen Werke des Kopfes: Achill und Homer, Sokrates und Platon, Alexander und Aristoteles, Perikles und Thukydides, Christus und Paulus, Napoleon und Hegel. Das sind die wahren Helden, und sie werden erst untergegangen sein, wenn es niemanden mehr gibt, der die großen Bücher lesen will.



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