Sich die Welt abgewöhnen...

Nach den notwendigen Exkursen der letzten Stunden kehren wir wieder zu den beiden Grundfragen dieses Moduls zurück: Was ist das Böse und wie sollen wir mit dem Bösen leben?

Es wäre mutwillig, doch sicher kein Ergebnis von Mut, würden wir uns in diesem Zusammenhang nicht mit Arthur Schopenhauer * beschäftigen, dem großen Pessimisten des 19. Jahrhunderts.

1. Die Vernunft ist dem Willen untertan

Für Schopenhauer ist die Vernunft dem Willen untertan, sie ist nur eine seiner Funktionen. Der Wille, so sagte Schopenhauer, hat sich im Menschen ein Licht aufgesteckt, nicht um das Sein damit zu durchleuchten, sondern um die Objekte seiner Begierden besser erspähen zu können.

Ihm sei es wie Buddha ergangen, schrieb Schopenhauer in seinem Tagebuch: „In meinem siebzehnten Jahre wurde ich vom Jammer des Lebens so ergriffen wie Buddha in seiner Jugend, als er Krankheit, Alter, Schmerz und Tod erblickte. Mein Resultat war, dass diese Welt kein Werk eines allgütigen Wesens sein könne, wohl aber das eines Teufels, der Geschöpfe ins Dasein gerufen hat, um sich am Anblick ihrer Qualen zu weiden.

Der Teufel ist hier eine Metapher. Schopenhauer bemüht keinen dämonischen Geist, sondern stellt fest, dass die vollkommene Abwesenheit des Geistes im Kern der Dinge ausreicht, um die Dunkelheit der Welt zu verstehen.

Schopenhauer versuchte, das Absolute, Eine, Ganze, wovon der Mensch ein Teil ist, zu begreifen. Er unternahm den Versuch, das Bewusstsein einer metaphysischen Einheit zu entwickeln – gegen die religiöse Alternative eines Bruches und einer unüberbrückbaren Kluft zwischen dem Menschen und Gott, dem Repräsentanten des Einen und Ganzen. In diesem Verständnis ist Gott nicht das ganz Andere, das dem Menschen gegenübersteht, sondern das Absolute, in dem der Mensch enthalten ist und das ihn durchdringt. Das Absolute wird als integrierendes Ganzes verstanden. Ziel ist nicht die Erlösung, sondern die Entdeckung der Ganzheit. Noch Albert Einstein blieb dieser Tradition verbunden, denn er betrachtete die Trennung des Menschen vom Ganzen gewissermaßen als optische Täuschung des individuellen Bewusstseins. Die Aufgabe der Erkenntnis bestehe darin, den Menschen aus diesem Gefängnis der Selbsttäuschung herauszuführen.

Die Unerkennbarkeit der Welt, wie sie gemäß Kant unaufhebbar ist, ist auch für ihn ein unumstößlicher Grundsatz. Die Gesamtheit unseres wahrnehmenden und erkennenden Geistes nennt er daher Vorstellung. Die Welt ist daher unsere Vorstellung.

2. Denken statt Handeln

Nun ist diese Welt so eingerichtet, wie sie sein muss, um mit genauer Not bestehen zu können. Wäre sie aber noch ein wenig schlechter, so könnte sie schon nicht mehr bestehen. Folglich ist eine schlechtere, da sie nicht bestehen könnte, gar nicht möglich, sie selbst also unter den möglichen Welten die schlechteste.

Ein Individuum ist ein mysteriöser Schnittpunkt. Wollen und Erkennen treffen an einem einzigen Punkt zusammen, eben im Individuum. Es gibt so viele Einmaligkeiten, wie es Individuen gibt. Das Individuum ist somit ein erstaunlicher Schauplatz, der sich in der Regel zu einer hysterischen Selbstbejahung steigert, zu einem Egoismus bis zur Bösartigkeit und Grausamkeit gegen andere Egos. Schopenhauer entwickelt auf diesem Schauplatz der verfeindeten Egos eine Theorie vom Staat, nach welcher der Mensch zwar nicht besser, aber unschädlich gemacht wird. Der Staat hat die Aufgabe, die Egos zu bändigen und er kann dies am besten, wenn er sich nicht in die Gesinnung und Denkweise seiner Bürger einmischt. Schopenhauer warnt sogar vor einem Staat, der Sinn stiften will, vor einem Staat, der die Seele und das Gemüt seiner Bürger erreichen will, weil dann der Schritt klein ist, nach den Seelen der Bürger zu greifen.

Im Mitleid ist, für Augenblicke zumindest, die wehrhafte Festung des Egoismus geschleift. Schopenhauer interpretiert das Mitleid als die gelegentlich durchschlagende Erfahrung, dass alles außerhalb von mir ebenso Wille ist, wie ich selbst. Wer Mitleid empfindet, der spürt das Fremde im Eigenen. Tat twam asi – das alles bist du – so lautet die altindische Formel für diese Erfahrung. Schopenhauer ermuntert zum Kampf gegen das Leiden und erklärt zugleich, dass es keine Aussicht auf prinzipielle Aufhebung des Leidens gibt.

Gegen das Böse hilft das Denken, nicht aber in dem Sinne, dass es als Anleitung zum Handeln die Welt grundsätzlich verbessern könnte, sondern als Alternative zum Handeln selbst. Denken statt Handeln – das ist Schopenhauers Programm gegen das Böse, gegen das es sonst nichts gibt.

Ob er sich der Konsequenz dieses Programms wirklich im Klaren war? Während die einen vielleicht nur denken, handeln die anderen, sodass schließlich reichlich dafür gesorgt ist, dass die böse Geschichte weitergeht ...

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