Die Tragödie* der Politik

Thales und die Thrakerin

Platon erzählt in seinem Dialog Theaitetos 174a eine Geschichte von Thales von Milet (624 - 545), dem Begründer der ionischen Naturphilosophie:
„... den Thales, als er, um die Sterne zu beobachten, den Blick nach oben gerichtet, in den Brunnen fiel, eine artige und witzige thrakische Magd soll verspottet haben, dass er, was im Himmel wäre, wohl strebte zu erfahren, was aber vor ihm läge und zu seinen Füßen, ihm unbekannt bliebe.“

Diese Anekdote wurde seither zum sprichwörtlichen Hohngelächter über den realitätsfremden Theoretiker, den die Realität des Alltags schließlich doch schmerzlich einholt.

Martin Heidegger (1889 – 1976) griff diese Anekdote auf, um damit das Wesen der philosophischen Methode zu bestimmen. Thales‘ Sturz in den Brunnen wurde ihm zur Metapher für die Abgründigkeit des philosophischen Denkens, das eben notwendigerweise den Boden alltäglicher Evidenz unter den Füßen verliert. Der reale Sturz des Thales wird so zum Absturz des philosophischen Denkens in eine Bodenlosigkeit, wo es erst wirklich zu Hause ist. Denn Metaphysik* ist jenes Denken, womit man wesensmäßig nichts anfangen kann und worüber die Dienstmägde nur lachen.

Ludwig Wittgenstein (1889 – 1951) wiederum sah seine Position eindeutig auf der Seite der thrakischen Magd. Wie sie belächelte er die Ergebnisse der Philosophie, welche er als Entdeckung irgendeines schlichten Unsinns betrachtete und als Beulen, die sich der Verstand beim Anrennen an die Grenze der Sprache geholt hat.

Eine gewisse Ironie in dieser Anekdote liegt darin, dass Thales gerade in jenes Element stürzte, das er selbst als den Ursprung aller Dinge erklärte, das Wasser.

Das Elend der Utopien*

Das Ausgangsmotiv utopischer Konstruktionen ist die Überzeugung, dass die bestehende Welt ungerecht eingerichtet sei. Der ungerechten Wirklichkeit wird dann ein phantastisches Gegenbild entgegengehalten, das Bild einer vollständig durchgeplanten, auf dem Egalitätsprinzip* errichteten Gesellschaft, die kein Privateigentum kennt.

Meist werden derartige Phantasien durch diffuse Ängste genährt. Alles ist auf ihre Überwindung gerichtet. Von ihrer Überwindung, der Begradigung der sozialen Welt und dem nivellierenden Abschleifen aller Gefühlsheftigkeiten, wird die Herstellung eines Zustandes der vollkommenen Harmonie des Menschen mit sich selbst und seiner Mitwelt erhofft. Das ist der Kern der utopischen Phantasien, der sehr deutlich in einer Utopie des 20. Jahrhunderts hervortritt, in der Utopie Walden Two des berühmten Behavioristen B. F. Skinner: „Wir bauen … eine Welt auf, in der es … mit etwas Glück gar keine Konflikte gibt. Unser Ziel ist die allgemeine, wohlwollende Toleranz“, und diese wird erreicht, indem eine Wissenschaftlerelite die Heranwachsenden durch behavioristische* Sozialtechniken so konditioniert, „dass sie genau das tun wollen, was für sie und die Gemeinschaft das Beste ist“.

Die Spindel

Nirgendwo sonst als in der Politik gibt es so hohe Verluste an Blut und Leben. Auf keinem anderen Terrain der kulturellen Evolution wird mit größerem Einsatz an Individuen und Ideen um Vorteile gerungen. Das Ausmaß der Niederlagen ist gewaltig, der Fortschritt ist gering und jederzeit gefährdet. Hinzu kommt, dass sich der Mensch nirgendwo anders so spektakulär in Szene zu setzen versucht. Nirgendwo anders wird der Mund so voll genommen und mit so viel Aufwand von einer besseren Zukunft gesprochen. Doch auf keinem anderen Feld des menschlichen Handelns folgt die Enttäuschung mit so hoher Wahrscheinlichkeit. Man braucht viel guten Willen, um den Eindruck abzuwehren, die politische Welt bestehe letztlich nur aus selbstverschuldeten Katastrophen, wobei es zweitrangig zu sein scheint, ob die Menschen guten oder bösen Willens sind.

Platon ist der erste politische Denker, dessen Theorie uns überliefert ist. Er bezeichnete die Politik ausdrücklich als Tragödie. Im siebten Buch der Nomoi nennt er sie sogar die einzig wahre Tragödie.
Im Ganzen sind die Nomoi die umfassendste theoretische Abhandlung über die Politik, welche uns die Antike hinterlassen hat. Sie erörtern die Probleme der Konstitution und der Legitimation, stellen die Verbindung zur Erziehung des Menschen her, heben die Bedeutung der Tugend heraus, erkennen in der Beteiligung der Bürger die zentrale Aufgabe der Politik, behandeln alle Grundsatzfragen der politischen Organisation bis in die Einzelheiten der Gesetzgebung, befassen sich mit den Verpflichtungen gegenüber den Göttern und enden mit der Einsicht, dass der Mensch die alleinige Verantwortung für das Gelingen seines politischen Handelns hat.

In seinem Dialog Politikos wird ein Mythos vom Anfang und Ende alles Politischen erzählt. Der Mythos handelt von der Tragödie der politischen Existenz des Menschen. Das Weltgeschehen bestehe im Ganzen aus zwei immer wiederkehrenden Perioden. In der ersten wickeln die Götter den neu gesponnenen Schicksalsfaden aller Menschen auf einer Spindel auf. In der zweiten Periode lassen sie den Faden los, so dass er bis zum Anfang zurückschnurrt und die Rolle der Spindel so blank ist wie zuvor.

In der ersten Phase regieren die Götter, in der zweiten sind die von ihnen geschaffenen Wesen ihrem eigenen Schicksal überlassen. Das ist die weltgeschichtliche Stunde der Menschen. Während er in der ersten Periode unter der Obhut der Götter steht, ist er in der zweiten sich selbst überantwortet. Es ist die menschliche Freiheit, welche diese zweite Epoche bestimmt. In ihr ist der Mensch sein eigener Herr. In der Epoche des zurückschnurrenden Schicksalsfadens hat er das von den Göttern losgelassene Ruder selbst in die Hand zu nehmen. Und so liegt es allein an ihm, dass Staaten entstehen, sich eine gerechte Verfassung geben und sich gut regieren. Als politische Wesen sind die Menschen Stellvertreter der Götter. Sie rücken in die Funktionen ein, die von den Himmlischen aus Überdruss nicht wahrgenommen werden. In dieser Stellung herrschen sie nicht nur über sich selbst, sondern über alles, was zu ihrer Natur gehört.

Nach diesem Mythos von der Spindel besteht die Tragödie darin, dass alles politische Handeln, es mag noch so gut begründet sein, unabänderlich in einer Katastrophe endet, selbst wenn der Mensch nach besten Kräften alles richtig macht. Denn tragisch ist bereits, dass der Mensch da einsetzen muss, wo er sich gerade befindet. Die Anfangsbedingungen seines Tuns liegen nicht in seiner Hand.

Realität und Theater

Die Politik ist eine Zumutung für jeden, der nach Wahrheit strebt. Denn in den grundlegenden Entscheidungen für oder gegen eine politische Ordnung, für oder gegen ein Gesetz oder ein neues Amt gibt sie keineswegs immer den Ausschlag. Es geht daher nicht einfach darum, den Missbrauch der Wahrheit aufzudecken. Die Politik verlangt vom Menschen, vom Anspruch auf sicheres Wissen und klare Beweisbarkeit abzurücken und sich unter Umständen auf bloß Geglaubtes, vielleicht nur durch geschickte Demagogie Erzeugtes, nämlich auf die bloße Meinung einer Menge von Menschen, einzulassen.

Diese Gefährdung der politischen Ordnung steht im Hintergrund von Platons Rede von der Politik als der einzig wahren Tragödie, und wir begreifen nun besser, warum er die Bürger, die sich um die Errichtung eines Staates bemühen, Dichter einer Tragödie nennt. Sie wirken an etwas Großem mit, das der Mensch von sich selber fordert. Die Nomoi stellen nämlich klar, dass es nicht die Götter, sondern die Menschen sind, die politische Gemeinwesen gründen. Wenn sie ihrem Selbstanspruch auf ein Leben nach eigener Einsicht folgen wollen, haben sie sich politische Gesetze zu geben, die ihnen ein Leben nach der Vernunft möglich machen. Also folgt die Politik dem Gebot der Vernunft. Wenn sie dabei scheitert und ins Unvernünftige umschlägt, muss es der sich gegen sich selbst kehrenden Vernunft angelastet werden. Darin liegt die Tragik.

Warum nennt Platon aber die Politik die wahre Tragödie? Die Politik hat mit großen und ernsten Problemen zu kämpfen. Platon geht es also um die Hervorhebung der Realität. Denn tragisch im strengen Sinn des Wortes ist nicht das, was unter diesem Titel berichtet und erdichtet wird, sondern was man selbst erlebt. Tragisch ist das Leben, das einem widerfährt, und nicht das Theater, das man sich vorführen lässt.

Zusammen mit der Tragödie und der Demokratie kam die Öffentlichkeit in Athen zu ihrer ersten historischen Wirksamkeit. Sie ist die Bedingung dafür, dass die Menschen in der Form des Publikums miteinander fühlen und miteinander handeln können, ohne dass die Einzelnen ihren Status als eigenständige Individuen verlieren. Das ist die Voraussetzung dafür, dass man die Tragik eines Ereignisses erkennt, sich mit ihm identifiziert und dennoch weiß, dass man als Person in einer anderen Lage ist. Diese Unterscheidung zwischen sich und den anderen muss man machen können, wenn man sich als selbstbewusstes Individuum auf politisches Handeln einlässt, weil anders alles entweder nur kollektive oder nur private Bedeutung hätte.

Nur im Frieden können die Vernunft des Einzelnen und die des politischen Ganzen zusammenstimmen. Diese Botschaft ist Platon so wichtig, dass er mit ihr das erste Buch der Nomoi beginnt und das zwölfte beschließt. Und er setzt am Ende mit Nachdruck die für seine Zeit nicht weniger befremdliche Einsicht hinzu, dass diese Aufgabe nicht von den Göttern, sondern nur von den Menschen bewältigt werden kann. Und in allem wird nicht nur unterstellt, sondern immer wieder auch gesagt, dass es sich in der Politik um ein öffentliches Geschehen handelt, in dem die Beteiligten auch die Zuschauer sind. So muss man es verstehen, wenn Platon die von so unerhörten Risiken belastete, unablässig durch sich selbst bedrohte Politik als die größte Aufgabe ansieht, die alle anderen Leistungen des Menschen in den Schatten stellt.

Die Tragödie der Politik ist die Tragödie der Freiheit. Denn die Freiheit ist es, aus der die Teilnahme an der Politik hervorgeht, und diese Freiheit ist es zugleich, die das Politische nicht nur erschwert und behindert, sondern sie unablässig der Gefahr des Misslingens aussetzt. Die Gefahr des Misslingens durch Dummheit, Irrtum und Irreführung, durch Neid, Ichsucht und Bedenkenlosigkeit, durch Verrat, Trägheit, Starrsinn, Übermut, Streitlust und abgrundtiefe Bosheit begleitet die Politik in allen ihren Phasen.

Bei vielen Menschen hält sich hartnäckig die Vorstellung, dass es im Staat und in der Politik besser, jedenfalls anders zugehen muss als in der alltäglichen Welt, dass dort eine höhere Weisheit zu regieren hat, die nur gerade von den derzeitigen Amtsträgern nicht verkörpert wird. Diese Vorstellung ist eine Illusion.

Es gibt keine Gerechtigkeit

Kant schreibt in seiner Metaphysik der Sitten: „Wenn die Gerechtigkeit untergeht, so hat es keinen Wert mehr, dass Menschen auf Erden leben“. Demgegenüber steht Dostojewski, welcher zeigt, dass Gerechtigkeit nicht herstellbar ist, weder auf der Erde noch im jenseitigen Reich der Erlösung. Nicht einmal Gott kann Gerechtigkeit schaffen. Ohne Gerechtigkeit können wir also nicht leben, und doch müssen wir ohne sie leben. Das ist paradox und furchtbar. Dieses Paradoxon* sei durch folgende fünf Anmerkungen erläutert:

1.
Der Begriff der Gerechtigkeit ist nicht anwendbar, wenn die Menschen keinen freien Willen hätten. Die menschliche Freiheit macht aus uns Individuen, die für ihre Handlungen Rechenschaft ablegen müssen. Wenn wir alle unmündige Wesen wären, dann stellte sich die Frage der Gerechtigkeit nicht.


Matija Solce in Petr Zelenkas Film Die Brüder Karamasow

2.
Einer der radikalsten Denker der Gerechtigkeit, Fjodor Dostojewski* , lässt es in seinem Roman Die Brüder Karamasow zu einem fulminanten Gespräch zwischen den beiden Brüdern kommen. Iwan Karamasow zwingt seinen tiefgläubigen Bruder Aljoscha in eine verzweifelte Ratlosigkeit. Denn der allmächtige Gott kann bei der Erlösung der Welt jene Qualen nicht ausgleichen, die jener achtjährige Knabe erlitt, den ein Gutsherr von Hunden zerreißen ließ − vor aller Augen und vor den Augen seiner Mutter. Diese Qualen des Kindes bleiben ungesühnt. Aus dieser Unsühnbarkeit zieht Iwan eine entsetzliche Konsequenz. Die Jubelgesänge der erlösten Menschheit werden lauten „Gerecht bist Du, Gott!“. Gegen diesen Jubelgesang erhebt Iwan Karamasow im Vorhinein unbeugsamen Einspruch. Er sagt seinem Bruder, dem angehenden Mönch Aljoscha: „Ich will nicht, dass die Mutter den Peiniger ihres Sohnes umarme! Wie darf sie es wagen, ihm zu vergeben? Wenn sie will, kann sie für sich vergeben und ihm ihr unermessliches Mutterleid und ihren Schmerz verzeihen. Jedoch die Leiden ihres von Hunden zerrissenen Kindes darf sie nicht verzeihen, dazu hat sie kein Recht, auch dann nicht, wenn ihr Kind selbst dem Peiniger verziehe! Gibt es auf der ganzen Welt ein Wesen, das verzeihen könnte, welches das Recht hätte, zu verzeihen? Ich will keine Harmonie ... Lieber bleibe ich bei ungesühnten Leiden. Lieber bleibe ich rachelos bei meinem ungerächten Leid und in meinem unstillbaren Zorn, selbst wenn ich nicht im Recht wäre.“ Iwan verzichtet auf die Erlösung, weil sie eine furchtbare Negation der Gerechtigkeit darstellt.

3.
Gott selber kann daher keine Gerechtigkeit schaffen. Er müsste alles, was geschehen ist, ungeschehen machen. So müsste er die Schöpfung widerrufen. Aber wenn alle Geschehnisse wieder ungeschehen werden, warum sind sie dann geschehen? Dann sind sie sinnlos. Und die ganze Schöpfung mit ihr. Gott könnte also nur gerecht sein, wenn das Geschehene sinnlos wird. Wie sollen Menschen nun das vermögen, was ein allmächtiges und gütiges Wesen nicht vermag? Doch wie sollen wir ohne Gerechtigkeit leben? Wir dürsten nach ihr und wir werden von diesem Durst vorwärts getrieben durch die Wüste der Geschichte, solange unser Planet noch unsere Spezies nährt.

4.
Unrecht muss gesühnt werden. Gerechtigkeit ist vor allem Sühnung von Unrecht. Denn Menschen leiden bis heute und überall weit mehr unter der direkten Zufügung von Leid als unter materieller Benachteiligung. Es ist nicht wahr, dass beides gleich schlimm ist. Schläge und Vergewaltigungen schaffen wirkliche Traumata, eine direkt erlittene Beraubung ist ähnlich, ein vorsätzlicher Betrug, den man hinterher bemerkt, schwächer, aber ähnlich. Traumatisch ist niemals eine Lage, traumatisch sind immer erlittene Taten.

5.
Gerechtigkeit beruht auf Vergeltung. Unrecht muss gesühnt werden. Derjenige, der Unrecht tat, muss dafür leiden. Aischylos* sagt: „Wer handelt, wird leiden.“





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