Was ist das Böse?

Nel mezzo del cammin di nostra vita
mi ritrovai per una selva oscura
chè la diritta via era smarrita.

So beginnt Dante Alighieris (1265 – 1321) Inferno, der erste Teil seines dreiteiligen Epos, das er in den letzten fünfzehn Jahren seines Lebens geschrieben hat. Die Göttliche Komödie gilt als wichtigste Dichtung der italienischen Literatur und als eines der bedeutendsten Werke der Weltliteratur. — Auf der Hälfte des Weges unseres Lebens fand ich mich in einem finsteren Wald wieder, denn der gerade Weg war verloren. Jeder von uns verliert seinen geraden Weg, früher oder später, manchmal oder für immer. Warum dies so ist, gilt es zu ergründen. Und dies ist etwas anderes, als die Frage nach dem Bösen zu beantworten.

Eine genaue Definition des Bösen zu geben, erscheint mir aus folgendem Grund nicht möglich: Das Böse wurde bereits in der scholastischen Philosophie als Manifestation des Nichts, das ins Sein hereinragt, gesehen. So schwer es schon für uns als Seiende ist, eine Definition des Seins zu formulieren, so muss eine Definition des Nichts erst recht misslingen. Dies ist eine unangenehme Einsicht, aber eine notwendige.

Das glückliche Dasein in der Welt des Grauens, die nur jene nicht erfassen, die im schlechtesten Fall dumpf und ignorant sind, im besten Fall von ihrem persönlichen Glück so sehr beansprucht werden, dass sie alles andere vergessen, wird durch deren bloße Existenz widerlegt.

Nun muss man hier gleich einwenden, dass kein Mensch in den Momenten des Glücks sich ständig die Schrecken der Welt vergegenwärtigen will oder kann. Darum geht es auch nicht. Es geht um eine angemessene Blickrichtung auf uns und auf die Welt überhaupt. In der vielfältigen Wirklichkeit ist etwas Merkwürdiges erkennbar: Was in den Medien als überbordender Spaß erscheint, ist vielleicht nur die Maske eines großen menschlichen Elends. Hinter der gestylten Erlebnisgesellschaft lauern die großen Depressionen, hinter unserer Konsumsucht eine große Leere, hinter dem selbstverständlich gewordenen Zustöpseln der Ohren der große Unwille, sich dem eigenen Leben nachdenklich zu stellen.

Dies alles kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass unser Leben unaufhebbar zwiespältig und mehrdeutig ist.

Was wir über die Hintergründe bestialischer Gewalttaten zu wissen glauben...

Ich behaupte, dass die meisten Erklärungsversuche derer, die schnell einen Schuldigen benennen, höchst fragwürdig sind und eher verbalen Nebelbomben gleichen als rationalen Analysen.

Kürzlich mussten sich einige amerikanischen Soldaten vor einem US-Militärgericht im Staate Washington wegen mehrfachen Mordes verantworten. Sie hatten in Afghanistan Zivilisten umgebracht, darunter Jugendliche, ohne Anlass, aus „purer Lust am Töten“, wie es der Ankläger formulierte. Die Gruppe, die sich Kill Team nannte, filmte sich nach den Taten gegenseitig, stolz grinsend, den Kopf der erlegten Beute in die Kamera haltend, und packte sich als Jagdtrophäen abgeschnittene Finger und dergleichen ein. Die Protokolle machen vor allem deutlich, dass sie mit Lust zu Werke gegangen waren. „Mein lieber Freund“, hört man auf den Aufzeichnungen immer wieder, „das hat Spaß gemacht!“

Wann immer wir mit Beispielen menschlicher Grausamkeit und Niedertracht konfrontiert werden, reagieren wir ratlos. Wir suchen nach einer rationalen Erklärung, die der Tat den Schrecken des Sinnlosen nehmen soll. Dass jemand einen anderen tötet aus reiner Freude am Töten, scheint uns undenkbar geworden zu sein. Seit rund einem halben Jahrhundert hat sich in den reichen westlichen Ländern die Auffassung durchgesetzt, dass das Böse eine Reaktion auf erlittenes Unrecht sei, gleichsam ein fehlgeleitetes Gutes, die Folge einer Ursprungskränkung aus der Vergangenheit. Je abscheulicher eine Tat, so die Universaldiagnose, desto weniger ist der Täter dafür verantwortlich. „Das Problem der bösen Leute“ sei, fasste der amerikanische Philosoph Richard Rorty die therapeutische Weltauffassung der kulturellen Eliten des Westens zusammen, „dass sie nicht so viel Glück gehabt haben wie wir selbst hinsichtlich der Umstände, unter denen sie aufgewachsen sind.“ (Rorty, Wahrheit und Fortschritt, Frankfurt 2000)

In allen bekannten bisherigen Gesellschaften wurde das Böse als eigenständige Macht begriffen. Mythen erzählen davon, wie es in die Welt kam, die Legenden der Völker berichten von seiner vielgestaltigen Erscheinung, Religionen warnen vor seiner Verführungskraft. Die grundlegenden zivilisatorischen Erzählungen gehen vom selbstverständlichen Wissen aus, dass in der Fähigkeit zum Bösen die menschliche Freiheit begründet liegt, die ihn vom Tier unterscheidet, und dass das Böse letztlich ein Rätsel, eine „unbegreifliche Faktizität“ (Sören Kierkegaard) bleibt. Unsere gegenwärtige Zivilisation unterscheidet sich hier fundamental. Denn das Böse wird als im Prinzip vermeidbarer Betriebsunfall und nicht als wesentlicher Bestandteil des menschlichen Daseins gesehen.

In den europäischen Städten hat sich in den letzten Jahren eine neue Form von Jugendbrutalität ausgebreitet. Eine Gruppe junger Männer wählt sich ein Opfer aus, spontan, meist ohne Anlass und schlägt es zu Boden. Endete hier früher meistens die Aggression, beginnt sie nun erst richtig. Gezielt wird der Kopf mit Tritten traktiert, Invalidität oder Tod werden in Kauf genommen. Manchmal wird das Opfer ausgeraubt, manchmal nicht. Beute spielt keine zentrale Rolle. Ein Großteil der Täter stammt aus sog. Unterschichts- und Immigrantenfamilien – aus der Türkei, aus arabischen Ländern, aus dem Balkan. Aus diesem Umstand leiten die Gewaltexperten in der Regel ihre Deutungen ab: Die Jugendlichen litten unter Identitätsproblemen, Diskriminierung, Kriegstraumata, die sie aus ihren schwierigen Herkunftsländern mitgenommen hätten.

Einheimische Schlägertrupps aus sozial solidem Milieu scheinen eher die Ausnahme zu sein. Zum Beispiel jene schweizerischen Berufsschüler auf Klassenfahrt in München, die im Sommer 2009 auf einem fröhlichen Abendspaziergang innerhalb kurzer Zeit nacheinander fünf Männer grundlos niedergeschlagen und zum Teil schwer verletzt hatten. Die drei Sechzehnjährigen stammten aus wohlhabenden Gemeinden am Zürichsee, lebten in geordneten Verhältnissen, waren beliebt bei Lehrern und Mitschülern und hatten eine gute Zukunftsperspektive. Der Fall löste in Deutschland und der Schweiz große Bestürzung aus. „Ob diese satte Schönheit Langeweile erzeugt?“, sinnierte der Reporter eines deutschen Nachrichtenmagazins, der extra in die Heimatgemeinden der Jugendlichen gereist war, um deren Taten besser verstehen zu können. Er reiste ratlos wieder nach Hause.


Amokläufer sind Partisanen des Nichts.
Jugendliche bei der Erstkonsumation des auch von Anders Behring Breivik
geschätzten Videospiels „Modern Warfare“

Mehr Aufschluss über die Motive plötzlich auftretender Gewalt bei Jugendlichen geben die Aufnahmen von Überwachungskameras, die immer öfter zum öffentlichen Raum gehören, wie jene aus einer Bahnhofsunterführung in Kreuzlingen am Bodensee. Das Video zeigte, wie kurz nach Mitternacht ein junges Prüglertrio zwei andere junge Männer zu Boden schlägt und mit Fäusten und Tritten zu bearbeiten beginnt. Nach über einer Minute lässt es von den Regungslosen ab und steigt die Rampe hoch, direkt Richtung Kamera. Die drei Burschen wirken aufgekratzt und freudig beschwingt. Sie haben sich unter den Armen eingehängt und lachen und blödeln herum und genießen offensichtlich die immer noch nachklingende Wirkung des Adrenalins, das ihnen beim Quälen und Erniedrigen durch Körper und Hirn schoss, in heißen, energetischen Schüben, wie eine hochstimulierende Droge. Als sie später gefasst wurden, konnten sie keine Gründe für ihre Attacke nennen. Sie hatten ihre Opfer vorher noch nie gesehen. Aber ihre Gesichter auf dem Video verrieten, warum sie geprügelt hatten. Sie hatten eine „geile Zeit“.

Gegen die Nebelwerfer

Im Westen haben in den letzten Jahrzehnten Ideologien und Theorien vom öffentlichen Diskurs Besitz ergriffen, der es nicht zulässt oder unterschätzt, dass der Mensch eine starke Neigung zu irrationalen und auch zerstörerischen Handlungen hat. Die meisten Menschen berauschen sich nicht an Ideen, sondern sie benutzen Ideen, um ihren Rausch zu legitimieren. Wir tragen in uns ein mächtiges Reservoir an aggressiven Impulsen, ein evolutionsgeschichtliches Erbe animalischer Reflexe. Die Ursache vieler schrecklicher Taten ist nicht eine verwerfliche Ideologie, sondern die Ideologie bildet die Rechtfertigung für die dunklen Impulse der Menschen.

Jede Kultur wird von der Lust an der zivilisatorischen Subversion bedroht, von den Versuchungen der Anarchie, des Chaos, der zerstörerischen Allmacht. In den Jugoslawienkriegen der 90er Jahre, in den afrikanischen Krisenherden, etwa Ruanda, ja in jedem Bürgerkrieg kann man feststellen, wie leicht sich gesellige Kaffeehausbekannte in erbarmungslose Menschenjäger verwandeln, egal welcher Religion, Ethnie, Weltanschauung oder sozialer Schicht sie angehören.

Das utopische Menschenbild jener, die glauben alles therapieren zu können, trägt wesentlich dazu bei, dass eine realistische Einschätzung Gewalttätiger nicht wirklich stattfindet. Hätte man genauer aufgepasst, hätte man es verhindern können. Diese Allmachtsphantasie verhindert den Blick auf die Realität. Auch über Anders Behring Breivik beugten sich wieder Dutzende psychologisch tiefgründelnder Experten oder Politiker und glauben, gestörte Vaterbindungen oder ein bestimmtes politisches Klima als Ursache ausmachen zu können.

Doch eine nüchterne Betrachtung zeigt, dass sich unter den Selbstmordattentätern auffällig viele Gutausgebildete mit makellosen Zukunftsaussichten befinden. Die Lebendbomben und die Amokläufer wie Anders Behring Breivik sind nicht verzweifelt oder unglücklich oder auf irgendeine verdrehte Art idealistisch. Sie sind nicht einmal religiös. Zwar widmen so manche selbsternannte Märtyrer die allerletzten Worte an einen Gott. Aber in Wirklichkeit preisen sie sich selber.

Ein solcher Täter setzt sich über alle ethischen, natürlichen, strategischen Gesetze hinweg, sieht sich jenseits von Angst, Mitleid und Schmerz. Wer leben oder sterben soll, liegt in seinem Belieben, er entscheidet sogar über den eigenen Tod. Er stößt Gott vom Thron und nimmt nun die leere Stelle selbst ein. Dies ist der Kern des radikalen Fanatismus, egal aus welcher Zivilisation er gespeist wird.

Das Böse begleitet die Humangeschichte. Es ist nicht heilbar, nicht umerziehbar, nicht wegfinanzierbar. Das Böse ist die tragische Bedingung der menschlichen Freiheit. Man kann es nur abschaffen, wenn man den Menschen abschafft. Die Existenz des Bösen zu verleugnen, ist der gerade Weg, sich ihm auszuliefern. Sich vor ihm schützen kann nur, wer sich dieser Erkenntnis stellt.

Thomas Schütte: Efficiency Men

Thomas Schütte (*1954): Efficiency Men 2005, Venedig – Punta della Dogana
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