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Böse Wörter und böse Bilder

Um Worte dreht sich alles in diesem Modul. Sie interessieren uns alle: die schönen, die hässlichen und auch die manipulativen, diejenigen, welche uns zum Lachen bringen, und die, welche uns erschauern lassen. Es lohnt sich, die Worte umzudrehen wie Steine auf dem Feld, um nachzusehen, was sich darunter verbirgt. Wir sollten sie nach ihrer Herkunft, ihren Zusammenhängen und Verwendungszwecken befragen, um besser zu verstehen, was manche unserer Zeitgenossen uns vormachen.

So viele Worte überall. Und immer wieder neue. Was mussten wir nicht alles lernen in den letzten Jahren, was eine Ich-AG ist, was Evolutionsbremse bedeutet, wozu ein iPod gut ist oder ein iPhone4S. Modeworte, ja ganze Modesprachen schießen aus dem Boden. Anglizismen allüberall.

Einzeln macht auch das schönste oder hässlichste Wort keinen Sinn. Es ist nicht eine dem Wort Ich-AG eigentümliche Qualität, welche 2002 die Leute scharenweise zum Telefonhörer greifen ließ, um daraus dann das Unwort des Jahres zu machen – genauso wie der männliche Vorname Adolf selbst nichts dafür kann, dass er vor 66 Jahren schlagartig aus der Mode geriet.

An Wörtern kristallisieren sich Diskurse* , komplexe gesellschaftliche Zusammenhänge ebenso wie modische Entwicklungen. Wörter formen Bedeutungssysteme, Sinnzusammenhänge und ganze Subkultursprachen, in denen man sich, unabhängig vom Inhalt, auf bankenfeindlich, feministisch, oder einfach nur cool heimisch fühlen kann, fast kuschelig eingebettet in einen Zusammenhang aus Wörtern, die allesamt durch ihre Vertrautheit Wahrheit und Richtigkeit vortäuschen. Wörter können auf diese Weise instrumentalisiert, missbraucht und vergiftet werden.

Was nicht unerwähnt bleiben soll

Zunächst seien einige Begriffe erläutert, um die es in diesem Modul gar nicht geht, welche aber in einem Text über böse Wörter nicht fehlen sollen:

Der Zyniker ist ein Schuft, dessen mangelhafte Wahrnehmung Dinge sieht, wie sie sind, statt wie sie sein sollen. Die skythische* Gepflogenheit, einem Zyniker die Augen auszureißen, um seine Wahrnehmung zu verbessern, gehört ins Reich der Mythen und kommt heute bei den Menschen nur mehr selten vor.

Sarkasmus bezeichnet einen beißenden und verletzenden Spott. Abgeleitet wird dieser Superlativ verbaler Möglichkeiten vom griechischen Zeitwort σαρκαζειν, das verhöhnen, ursprünglich zerfleischen, bedeutet.

Mit Beschimpfung ist natürlich nicht jene Schlagfertigkeit gemeint, die einem immer zu spät als Antwort einfällt, sondern die altbekannte, verbal geäußerte Emotion, welche manchmal auf neutrale Beobachter fast unterhaltsam wirkt, meist aber peinlich ist und besser ungesagt geblieben wäre, weil Motivation für weitere niveaulose Eskalationen.
Schimpfwörter zeigen sowohl die Reichhaltigkeit als auch die Einfallslosigkeit der Sprache des Schimpfenden. Das ahd. Wort skimpfen bedeutet eigentlich Scherz treiben, spielen, verspotten, Kampf spielen.

Doch in diesem Kapitel geht es nicht um Schimpfwörter, mehr oder weniger geistreiche verbale Bosheiten, auch nicht um Zynismen oder Sarkasmen, sondern um Sensibilität für unsere Sprache.

Tautologie* und Arroganz*

Viele wissen meist alles besser, sie wissen auch alles über das Verbessern und wissen, dass wir alle aufgerufen sind, die Welt zu verbessern. Verbessern heißt sich interessieren, sich engagieren, involviert sein, intervenieren, sich für das Gute einsetzen. Ein sinnvolles Leben bemüht sich daher immer aktiv um die Verringerung des Bösen, des Unrechts und des Elends. Nur auf dieser Grundlage, ohne welche moderne Moral kaum denkbar ist - ob sich die Stimme Gottes nun im kategorischen Imperativ säkularisiert oder in einem anderen obersten Moralprinzip -, kann es zu der von konkreten Inhalten, Zwecken oder Zielen völlig unabhängigen Bewertung kommen, wonach aktiv sein prinzipiell gut sein soll, passiv sein aber fast immer schlecht, engagiert sein prinzipiell gut, desengagiert sein aber schlecht, offen sein immer gut, bewahrend-konservierend eher schlecht, Veränderung gut, Stagnation natürlich schlecht.

So finden wir heute überall Aktivismus-Rhetorik. Aktives Lernen und Leben insgesamt sind gut. Aber auch offenes Lernen ist gut, gemeinschaftliches und ganzheitliches sowieso, und die Kombination, nämlich aktives, offenes, ganzheitliches und gemeinschaftliches Lernen ist das Nonplusultra. So gehört es zum Repertoire der sogenannten Bildungswissenschaftler, dass Kinder dann mit der größten Wahrscheinlichkeit produktiv sind, wenn sie aktiv an ihrem eigenen Lernprozess beteiligt sind, wenn der Lernende im Mittelpunkt des Lernprozesses steht und wenn die aktive Beteiligung des Lernenden vorhanden ist.

Solche Aussagen haben den gleichen Erkenntnisgewinn wie: Gelungenes Trinken setzt voraus, dass der Trinkende sich an seinem Trinken beteiligt...

Was wissen wir also, wenn wir geschlossene, einsame, unfreiwillige, unbeteiligte und sinnlose Aktionen ablehnen? Die Vermutung liegt nahe, dass es nicht gerade viel ist. Vielfach scheint es so zu sein, dass heute die Sprache ohne Überredungsadjektive wie aktiv, offen, gemeinsam, ganzheitlich, innovativ oder konstruktiv kaum noch etwas zu sagen hat. Ihre Suggestionskraft bezieht sie aus den durchwegs negativ besetzten Konterparts: passiv, geschlossen, allein, fragmentiert. Die Frage aber, wohin denn der moralisch geforderte Aktivismus, Interventionismus oder Offenheit führen sollen, welche Ziele eigentlich angestrebt werden, interessiert erstaunlich wenig.

Es könnte sein, dass dies alles nur ein Vorbote eines heraufkommenden Fundamentalismus ist, der im Tarnanzug eines Gegenwartszentrismus daherkommt.

Bisher ist man in demokratischen Zeiten mit der Erkenntnis gut gefahren, dass gesellschaftlich bedeutsame Konzepte strittig sind. Ich denke dabei an den Begriff der Demokratie selbst, an Gerechtigkeit, gutes Leben oder Moral.

Warum soll es in einer soliden Demokratie, welche von einer großen Mehrheit der Gesellschaft getragen wird, nicht möglich sein, gesittet und gewaltfrei im Dissens zu leben und nicht unbedingt einen Konsens zu erzwingen. Es sollte uns klar sein, dass der Wunsch nach Konsens mitunter eine destruktive Kraft entwickelt, und vor allem, dass wir auf argumentative Weise streiten können.

Doch es gibt heute einen fruchtbaren Boden für die manichäische Trennung zwischen guten und bösen Wörtern. Daraus ergeben sich Überredungsdefinitionen. Sie tragen wenig zur Klärung bei, was die Aufgabe von Definitionen wäre, sondern sie trachten mit emotional aufgeladenen Wörtern zu überzeugen. Auf polemische Weise versuchen sie Eindeutigkeiten zu erzeuge. Je eindeutiger die emotionale Geladenheit der Wörter (sei es im positiven oder negativen Sinn), je mehr also das Herz des Redners ergriffen oder abgestoßen ist, desto schwerer mag es ihm fallen, den strategischen Gebrauch der Sprache überhaupt noch zu erkennen. Vielmehr meint er dann wahrscheinlich, mit der moralischen Wirklichkeit und Wahrheit in ganz besonders engem Kontakt zu stehen.

Dass Überredungsdefinitionen oft unauffällig daherkommen, gehört zu ihrer Stärke. Eigentlich könnte man ja wissen, dass wenn alle mit dem Kopf nicken, etwas mit dem Denken nicht stimmen kann. Wenn ein Körnchen Wahrheit im Zitat von Max Planck stecken sollte, es gibt Dinge, über die man sich einigen kann, und wichtige Dinge, dann hätten wir Anlass, die täglichen Plattitüden in Frage zu stellen, wonach beispielsweise Lernen Spaß machen soll, aktives Lernen besser sei als passives, von welchem wir nicht wissen, was es eigentlich ist, oder wonach es auf niederlagenlose Methoden des Konfliktlösens, auf einen demokratischen Erziehungsstil und einen handlungsorientierten Unterricht ankomme.

So gerät die Sprache selbst in Misskredit. Ganz von selbst ergeben sich nun folgende Beobachtungen: Es hat sich bereits längst
eine Transformation der Sprache der Tugenden in die Sprache der Kompetenzen vollzogen,
eine Transformation der moralischen Sprache in die psychologische Sprache und
eine Transformation der Sprache des handelnden Subjekts in die Sprache des sich verhaltenden Bedürfniswesens.

Realitätsverlust als Nährboden gefährlicher Phantasien

Für unseren Alltag am gravierendsten erscheinen die Transformationen von der moralischen in die psychologische Sprache. Es ist kaum plausibel, wie ohne moralische Grundlage Autonomie* entstehen kann. Wer Lausbub sagt, moralisiert, doch wer verhaltensauffällig sagt, pathologisiert. Vielleicht mit gutem Grund, doch nicht alle Rowdies sind milieugeschädigt, nicht alle Zappelphilipps sind ADHS-Kinder* . Der wesentliche Unterschied bleibt bestehen: Moralisierung geht von der Willens- und Handlungsfreiheit aus und sie stellt so eine Grundlage für die Interpretation der menschlichen Wirklichkeit dar. Diese Freiheit ist weder Anlass noch Resultat psychologischen Verstehens und Diagnostizierens. Weit verbreitet ist heute die Selbsttäuschung einer Freiheit von Moral. Dieser oft unreflektierte Post-Moralismus geht einher mit der moralisch auftretenden Forderung auf das Recht zur Bedürfnisbefriedigung.

Die bereits erwähnte Aktivitis bezieht sich nur scheinbar auf die Idee eines handelnden Subjektes, das seine Freiheit praktiziert und sie zu verantworten hat. Vielmehr scheint der Mensch, welcher die Eigenaktivität zu einem Hauptkriterium erhebt, einen Begriff von Handeln zu favorisieren, der mit einer solchen Freiheitspraxis nicht das Geringste zu tun hat. Die Befriedigung von primären Bedürfnissen ist lebenszentral. Doch auch die Befriedigung von sekundären Bedürfnissen ist kulturell überaus bedeutsam. Deshalb ist es zumindest sehr ungenau, die primäre Bedürfnisstillung mit Handeln als einer zu verantwortenden Freiheitspraxis gleichzusetzen. Dass Freiheit eher eine wilde Pflanze darstellt als ein nettes Pflänzchen im häuslichen Topf, welches es zu hegen und zu pflegen gilt, mag nicht wenigen ihr Leben lang verschlossen bleiben, und damit auch der Umstand, dass Freiheit nicht gelehrt werden kann.

Bezeichnend ist, dass heute oft von Investition in die Bildung, von Investition in die Zukunft, von Investition in unsere sogenannten Beziehungen gesprochen wird. Das Input-Output-Schema lässt alles als Tauschverhältnis begreifen.

Auch im sogenannten Gefühlshaushalt finden wir die Vereinigung der Vokabulare zum psycho-ökonomischen Denken, dem Haushalten mit psychischer Energie, psychischen Ressourcen, und können entsprechend fragen, was bringt mir diese Beziehung noch? Wenn zu befürchten ist, dass die Input-Output-Bilanz dieser Beziehung einfach nicht mehr stimmt, dass wir zuviel psychische Energie verbrauchen und zuviel Gefühl investieren, dann vergeuden wir im Grunde unsere psychischen Ressourcen.

Die Nutzenfrage, auch wenn sie wohl meist edel motiviert ist, entwickelt sich mitunter als Totschlägerin. Denn wozu soll ich Goethes Drama Faust lesen, wenn es doch so umfangreich ist? Was bringt mir diese oder jene mühsam erscheinende Theorie für mein späteres Leben? Kurz: Wenn ich den Nutzen nicht von vorneherein kenne oder abschätzen kann, dann lasse ich mich gar nicht erst auf die Sache ein. Doch wie abschätzen, wie messen? Könnte es nicht auch sein, dass es neben dem Messbaren noch Beschreibbares gibt, das nicht messbar ist, und Bedeutsames, das nicht einmal richtig beschreibbar ist? Die ökonomisch legitime und notwendige Frage wird - nimmt sie überhand - zur Vernichterin der Bildung. So transformiert sich die Bildung vom Gut zum Wert, vom Zweck zum Mittel. Natürlich, wir wussten immer, dass sie nie nur Selbstzweck sein kann oder sein sollte, weder in ihrer materiellen, personalen noch sozialen Dimension, sie war immer schon zugleich auch Mittel, aber was ist sie eigentlich noch, wenn sie nur noch Mittel ist?


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