Hans-Georg Gadamer, ein Schüler Heideggers und Nachfolger von Karl Jaspers an der Universität Heidelberg, schrieb über die Sprache in Sein und Zeit, sie sei eine Neu-Erschließung des spekulativen Geistes der deutschen Sprache, wie sie am ehesten von der deutschen Mystik erreicht worden war. Dem, was so zur Sprache kam, könne sich kein Denkender entziehen. Man braucht dafür kein gelehrtes Studium, sondern die Bereitschaft über das Sein und das Nichts nachzudenken.

Heidegger bezeichnet das menschliche Dasein als ein geworfenes. Hat je ein Dasein als es selbst frei darüber entschieden, und wird es je darüber entscheiden können, ob es ins Dasein kommen will oder nicht? Wie bekundet sich dem Menschen seine Geworfenheit, sein In-der-Welt-Sein?

Das Dasein in der Welt hat die Form der Bekümmerung, der Sorge.¹ Der Mensch ist Dasein, das nicht nur ist, sondern dem es immer auch um sein Dasein geht. Als Sein, das sich erst zu verwirklichen hat, ist das Dasein Entwurf, daher die Formel, Dasein als geworfener Entwurf. Die Sorge ist Sein zum Tod. Das Dasein hat nicht ein Ende, an dem es aufhört, sondern es existiert nur endlich.

Die menschliche Grunderfahrung ist Angst.
Die Angst ist die umschattete Königin der Stimmungen. Man muss sie unterscheiden von der Furcht. Die Furcht richtet sich auf etwas Bestimmtes. Die Angst ist unbestimmt und grenzenlos. Das Wovor der Angst ist die Welt als solche. Die Angst offenbart das Nichts . . ., weil sie das Seiende im Ganzen zum Entgleiten bringt.
Dieses augenblicksweise Versinken ins Nichts nennt Heidegger ein Hinaussein über das Seiende, eine Hineingehaltenheit in das Nichts. Der Mensch erfährt die Möglichkeit des eigenen Nicht-Seins. Die Angst ist die radikale Erfahrung, in der dem Menschen das Seiende im Ganzen entgleitet. Er begegnet seinem eigenen Tod. Das Dasein erfährt der Mensch als Sein-zum-Tod. Für gewöhnlich verschließen die Menschen ihre Augen vor diesem Sachverhalt. Sie vergessen, dass sie angesichts des Todes ihr je eigenes, unverwechselbares Leben zu verwirklichen haben. Die meisten Menschen gleiten daher ins Uneigentliche, ins Man.

In der Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel, in der Verwendung des Nachrichtenwesens ist jeder Andere wie der Andere. Dieses Miteinandersein löst das eigene Dasein völlig in die Seinsart „der Anderen“ auf, so zwar, dass die Anderen in ihrer Unterschiedlichkeit und Ausdrücklichkeit noch mehr verschwinden . . . Wir genießen und vergnügen uns, wie man genießt; wir lesen, sehen und urteilen . . ., wie man sieht und urteilt; wir ziehen uns aber auch vom „großen Haufen“ zurück, wie man sich zurückzieht; wir finden „empörend“, was man empörend findet. Das Man, das kein bestimmtes ist und das Alle, obzwar nicht als Summe, sind, schreibt die Seinsart der Alltäglichkeit vor. . . Weil das Man jedoch alles Urteilen und Entscheiden vorgibt, nimmt es dem jeweiligen Dasein die Verantwortlichkeit ab. . .
Das Selbst des alltäglichen Daseins ist das Man-selbst, das Heidegger vom eigentlichen, dem eigens ergriffenen Selbst unterscheidet. Die Menschen sind nicht Ich im Sinne des eigenen Selbst, sondern die Anderen in der Weise des Man. Wenn das Dasein die Welt eigens entdeckt und sich nahebringt, wenn es ihm selbst sein eigentliches Sein erschließt, dann vollzieht sich dieses Entdecken von Welt und Erschließen von Dasein immer als Wegräumen der Verdeckungen und Verdunkelungen, als Zerbrechen der Verstellungen, mit denen sich das Dasein gegen es selbst abriegelt.
Heidegger sieht die Wurzel der Verfehlung also darin, dass die alltägliche Seinsart sich verfehlt und verdeckt.
Die alltägliche Seinsart manifestiert sich besonders im Gerede. Ihm liegt daran, dass geredet wird. Das Gerede breitet sich auch im Geschriebenen aus als das Geschreibe. Gerede und Geschreibe bieten die Möglichkeit, alles zu verstehen ohne vorgängige Zueignung der Sache. . . Das Gerede entbindet nicht nur von der Aufgabe des Verstehens, sondern bildet eine indifferente Verständlichkeit aus, der nichts mehr verschlossen ist.
Das Man zeichnet die Befindlichkeit vor, es bestimmt, was man und wie man zu sehen hat.



  1. Heidegger verweist auf die Selbstauslegung des Daseins als Sorge und bezieht sich auf eine Fabel des Hyginus:
    Als einst die Sorge über einen Fluss ging, sah sie tonhaltiges Erdreich: sinnend nahm sie davon ein Stück und begann es zu formen. Während sie bei sich darüber nachdenkt, was sie geschaffen, tritt Jupiter hinzu. Ihn bittet die Sorge, dass er dem geformten Stück Ton Geist verleihe. Das gewährt ihr Jupiter gern. Als sie aber ihrem Gebilde nun ihren Namen beilegen wollte, verbot das Jupiter und verlangte, dass ihm sein Name gegeben werden müsse. Während über den Namen die Sorge und Jupiter stritten, erhob sich auch Tellus, die Erde, und begehrte, dass dem Gebilde ihr Name beigelegt werde, da sie ja doch ihm ein Stück ihres Leibes dargeboten habe. Die Streitenden nahmen Saturn zum Richter. Und ihnen erteilte Saturn folgende anscheinend gerechte Entscheidung: „Du, Jupiter, weil du den Geist gegeben hast, sollst bei seinem Tod den Geist, du, Erde, weil du den Körper geschenkt hast, sollst den Körper empfangen. Weil aber die Sorge dieses Wesen zuerst gebildet, so möge, solange es lebt, die Sorge es besitzen. Weil aber über den Namen Streit besteht, so möge es homo heißen, da es aus humus, Erde, gemacht ist.



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