Martin Heidegger um 1968

Der zweite Teil von  Sein und Zeit  ist bekanntlich nie erschienen. Was Heidegger dort zu sagen vorhatte, ist in seinen späteren Publikationen zur Sprache gekommen. Hier sind zu nennen seine Freiburger Antrittsvorlesung  Was ist Metaphysik  aus dem Jahre 1928,  Vom Wesen der Wahrheit, 1943 gedruckt,  Erläuterungen zu Hölderlins Dichtung, 1944,  Holzwege, 1950,  Unterwegs zur Sprache, 1959.

Der Denker sagt das Sein, der Dichter nennt das Heilige. Heidegger sieht den Menschen wie einen Waldhüter in der Lichtung des Seins. Der Mensch ist nicht Entdecker der Wahrheit, sondern das Sein selbst lichtet sich im Menschen. Freiheit ist nicht schrankenlose Aktivität. Reduziert der Mensch sein Dasein auf alltägliche Routine und Geschäftigkeit, wird es zum dumpfen, sinnlosen Getue.

1936 begründet er seine Ablehnung jeder Weltanschauung. Weltanschauung, insofern sie ein totales Weltbild verkündet, ist das Gegenteil von Philosophie, weil diese auf Fragen beruht und in Frage stellt. Weltanschauung ist für die Masse, sie ist Machenschaft und kämpft mit Hilfe von Propaganda. Philosophie dagegen wurzelt in einer Not, welche den Menschen umtreibt. Diese Not will sie nicht beseitigen, sondern ausstehen.

Seine große Skepsis gegenüber der Technik hat ihre Ursache in der bereits in den 1940er und 1950er Jahren sichtbaren Zerstörung der Natur. Diese erhält ihre Verstärkung durch die Aneignung der Technik durch die Massen.

In   Der Weg zur Sprache  verweist Heidegger auf einen Text von Novalis:  „Gerade das Eigentümliche der Sprache, dass sie sich bloß um sich selbst bekümmert, weiß keiner.”  Heidegger begreift das Phänomen der Sprache als etwas, dessen der Mensch nicht mächtig, wohl aber teilhaftig ist. In dem Maße, wie er sich der Sprache erschließt, sich von ihr gewissermaßen durchfluten lässt, wird er zum Sprachrohr des Seins. Hier wird Heideggers nichtanthropologisches Denken besonders deutlich durch sein Zurückgreifen auf die Vorsokratiker.

So kommt Heidegger zum Ergebnis, dass der Mensch in der Sprache Zeugnis ablegt von seinem Wesen, das schafft und zerstört, untergeht und wiederkehrt.

Ausdrücklich verweist er auf  Wilhelm von Humboldt und zitiert aus seiner Abhandlung  Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues und ihren Einfluss auf die geistige Entwicklung des Menschengeschlechts  aus dem Jahre 1836:

Ohne die Sprache in ihren Lauten, und noch weniger in ihren Formen und Gesetzen zu verändern, führt die Zeit durch wachsende Ideenentwicklung, gesteigerte Denkkraft und tiefer eindringendes Empfindungsvermögen oft in sie ein, was sie früher nicht besaß. Es wird alsdann in dasselbe Gehäuse ein anderer Sinn gelegt, unter demselben Gepräge etwas Verschiedenes gegeben, nach den gleichen Verknüpfungsgesetzen ein anders abgestufter Ideengang angedeutet. Es ist dies eine beständige Frucht der Literatur eines Volkes, in dieser aber vorzüglich der Dichtung und der Philosophie.

Hölderlin ist für Heidegger der Dichter der Dichter, er ist unter den großen Dichtern derjenige, der am reinsten und klarsten verkörpert, was unter Dichtung zu verstehen ist. Allerdings sieht Heidegger in Hölderlin jenen Dichter, welcher den Menschen erst bevorsteht.




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