Martin Heidegger in seiner Holzhütte

Bei Heidegger ist ein ähnliches Phänomen zu beobachten wie bei Nietzsche. Er schreibt für die Wenigen und für die Seltenen, die den höchsten Mut zur Einsamkeit mitbringen, um den Adel des Seyns zu denken und zu sagen von seiner Einzigkeit. Solche Aussagen entmutigen viele Leser, noch dazu, da Heidegger an anderer Stelle das Streben, sich verständlich zu machen, als Selbstmord der Philosophie bezeichnet.

Bei den Vorsokratikern, insbesondere Heraklit und Parmenides, sieht Heidegger die Grundfrage gestellt, welche nach Platon in Vergessenheit geriet. Die spätere Philosophie hat immer nach dem Seienden und nach dem höchsten Seienden, Gott, gefragt. Sie hat seit Aristoteles nicht nach dem gefragt, wodurch alles Seiende erst ein Seiendes ist, nach dem Sein. Die Frage nach dem Sein ist von der Philosophie, weil das Sein nicht zu objektivieren ist, weil es für das Allgemeinste und Selbstverständlichste genommen wurde, übersehen worden. Heidegger nennt dies Seinsvergessenheit. Der Schleier des Seins ist das Nichts.

Um eine Lehre vom Sein zu begründen, untersucht Heidegger die Grundstrukturen des menschlichen Daseins. Er wird nicht müde zu betonen, dass eine solche Untersuchung nicht die Bestimmungen übernehmen kann, deren sich die Philosophie bedient. Er nennt die Grundbestimmungen nicht wie Aristoteles und Kant Kategorien, sondern er spricht von Existenzialien. Nur der Mensch kann aus der Enge des Seienden heraustreten, nur er kann die Grenzen seines Seins überschreiten. Fragt er nach seinem Sein, so wird er zur Existenz. Heidegger meint immer den einzelnen Menschen mit seinen Hoffnungen und seinen Sorgen.

In der wachsenden Bedeutung der Technik sieht Heidegger eine bedrohliche Entwicklung, da alles als berechenbar wahrgenommen wird. Der Mensch sucht sich immer mehr zum Herrn seiner eigenen Voraussetzungen zu machen. Die Religion wird entmythologisiert, die Grundbegriffe werden einem bestimmten logischen Schema angepasst, und die Wirklichkeit wird mit dem identifiziert, was einem bestimmten Ideal von Rationalität entspricht. So begnügt sich der Mensch mit der Annahme, dass das Sein als etwas verstanden wird, das durch Berechnung erfassbar ist.

Wenn jemand behauptet, das Denken sei im Kern unverständlich, der kann nicht von sich selber sagen, im Unterschied zu allen anderen verstehe er, was er denkt. Daher hat Heidegger betont, dass auch er selber sein Denken nicht verstehe. Viele, die Heidegger kennen lernten, wiesen darauf hin, dass er im Gespräch immer wieder nach Worten rang, um dann selbst auf seine Hilflosigkeit hinzuweisen. Wer Heidegger Irrationalismus vorwirft, was vielfach geschehen ist, vergisst, dass das vermeintliche Licht der Vernunft Unverständliches nicht ausdrücken kann, da es dann zu einem desolaten Seienden deformiert wird.

Heidegger, auf den sich Sartre und viele andere französische Philosophen beriefen, bezeichnete den Existenzialismus ausdrücklich als Missverständnis. Ihm ging es um das Sein, der französischen Existenzphilosophie um den Menschen. Zu erwähnen sind hier auch Jacques Derrida und Emmanuel Lévinas.

In seinem berühmten Brief an Jean Beaufret erteilt Heidegger eine Absage an jeglichen Humanismus. Damit meint er jedes Denken, das nur um den Menschen kreist. Alle Versuche, das Wesen des Menschen auszulegen, ob sie vom Christentum, von Marx oder von Sartre stammen, leiden daran, dass sie den Menschen in einen schon feststehenden Bezug zu Natur, Geschichte und Weltganzen bringen, zum Seienden also. Menschsein wird verkürzt als Herrschen über das Seiende gesehen.

Nicht nur in der Philosophie, auch in der Kunst hinterließ Heidegger seine Spuren. Im New Yorker Museum of Modern Art befindet sich ein Video von Valie Export, welches den Titel Sehtext: Fingergedicht trägt. Darin bezieht sie sich auf Martin Heideggers Schrift Was heißt Denken?: „Vielleicht ist das Denken auch nur dergleichen wie das Bauen an einem Schrein. Es ist jedenfalls ein Hand-Werk. . . Allein das Werk der Hand ist reicher, als wir gewöhnlich meinen. Die Hand greift und fängt nicht nur, drückt und stößt nicht nur. Die Hand reicht und empfängt und zwar nicht allein Dinge, sondern sie reicht sich und empfängt sich in der anderen. Die Hand hält. Die Hand trägt. Die Hand zeichnet, vermutlich weil der Mensch ein Zeichen ist. Die Hände falten sich, wenn diese Gebärde den Menschen in die große Einfalt tragen soll. Dies alles ist die Hand und ist das eigentliche Hand-Werk. In ihm beruht jegliches, was wir gewöhnlich als Handwerk kennen und wobei wir es belassen. Aber die Gebärden der Hand gehen überall durch die Sprache hindurch und zwar gerade dann am reinsten, wenn der Mensch spricht, indem er schweigt.“

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