*

Ende der Sechzigerjahre wurde Martin Heidegger von seinem Verleger Vittorio Klostermann gebeten, einer Gesamtausgabe seiner Schriften zuzustimmen. Daraufhin setzte Martin Heidegger seinen Sohn Hermann als Verwalter ein. Heidegger hatte Hermann kurz nach seiner Geburt adoptiert. Er war ein unehelicher Sohn von Heideggers Ehefrau Elfride.

Unerbittlich setzte dieser die alles andere als klaren Angaben seines Vaters zur Edition um. So erschien im Lauf der Jahre die Gesamtausgabe, welche auf 102 Bände angelegt ist. Bis 2020 sind hundert Bände erschienen. Der Gesamtausgabe seiner Schriften hat Heidegger das Motto Wege, nicht Werke vorangestellt. Die Gesamtausgabe beginnt mit Heideggers erster Veröffentlichung aus dem Jahre 1909 und schließt mit der letzten aus seinem Todesjahr 1976. Dass Heideggers Denken in Tiefen eintauchte, die einer sprachlichen Form nur schwer zugänglich sind, lässt auch die Abgründe erahnen, in welche es geriet. Manche Formulierungen in den Schwarzen Heften sind Ausdruck dieses Abstiegs in Abgründe.

Die unbedingte Treue zum Vater, die bis hin zur Feindschaft reichende Wut gegenüber jenen, die Heidegger als Naziphilosophen angriffen, und die gelegentlich allzu sorglose Auswahl von Gesprächspartnern ließen ihn als verstockten und erstarrten Hüter von Martin Heideggers Denken erscheinen. Doch Hermann Heidegger war viel zu klug, um nur ein Bewahrer zu sein. Trotz aller Fehler in der Nachlasspolitik erlaubte er allen Forschern die publizierten Manuskripte in Marbach einzusehen. Hermann Heidegger verstarb am 13. Januar 2020.

Eine historisch-kritische Ausgabe steht noch aus. In der Editionswissenschaft versteht man darunter die Ausgabe eines Textes, welche auf der Grundlage aller zur Verfügung stehenden Textträger die Entstehungsgeschichte des Textes nachzeichnet und Dokumente zu dieser Geschichte anführt.

Die Schriften aus seinem Nachlass verdeutlichen die Grundzüge seines Denkens. Heidegger sieht die äußerste Not des Menschen darin, dass er sie nicht als Not erfährt. Die meisten Menschen leben so, als ob die Welt in Ordnung sei. Diese Not ist die Not der Seinsverlassenheit und der Seinsvergessenheit des Menschen. Dazu gehört auch der Entzug des Heiligen und des Gottes. Diese Not gilt es spürbar zu machen und nur so könnte eine Überwindung des Nichts möglich werden. Dass der Mensch versucht, sich selbst zu beschreiben, bedeutet Verdinglichung. Diese führt immer in die Seinsvergessenheit. Seine äußerste Ferne zum christlichen Gott verstand er nie als Atheismus, sondern als Entzug des Gottes.

In Europa sieht Heidegger keinen Anfang, sondern nur breitesten und flachsten Auslauf. Es gibt keinen Ort mehr, der frei wäre von ökonomisch-technischen Kriterien.

Bei heute oft schnell formulierten Verurteilungen seines Handelns nach dem Vorliegen seines Gesamtwerks handelt es sich nicht um Kritiken, sondern um die Schimpferei jener Leute, die Intellektualität und Analytik durch den erhobenen Zeigefinger ersetzen.

* Heidegger-Karikatur von Peter Gut in der NZZ

 Seitenanfang
 Seitenende