Nikolaus Werle
Wien, Ende November 2012

Meine lieben Schüler und Schülerinnen,

Im 29. Jahr meiner Tätigkeit hier an unserer Schule gilt es nun Abschied zu nehmen. Dass es gerade ihr seid, die ihr meine letzten Klassen bildet, erfüllt mich doch mit einem Quantum Wehmut, da ich euch ausnahmslos gerne hatte, was ihr hoffentlich gemerkt habt.

Doch ich bin kein Freund von Sentimentalitäten.

Ich möchte euch ein Vermächtnis hinterlassen, welches in vier Punkten zusammenfasst, was mir im Unterricht wichtig erschien und woran ich als alter Lehrer immer noch glaube. Dabei hoffe ich zu vermeiden, was M. T. Cicero in seiner Schrift Cato maior de senectute * als die zwei großen Fehler des Alters beschreibt: Geschwätzigkeit und ungebetene Ratgeberei.

  1. Gottfried Benns Gedicht Menschen getroffen endet mit den Zeilen:

    Ich habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden,
    woher das Sanfte und das Gute kommt,
    weiß es auch heute nicht und muss nun gehn.


    Aus welchen letztgültigen Gründen wir uns bemühen sollen, ein guter Mensch zu werden, kann ich euch nicht sagen, wohl aber, dass ich euch bis zuletzt bestärken will, euch durch keine noch so klug erscheinende Argumentation davon abbringen zu lassen. Was gut sein ist, wissen wir nicht immer, aber unser Herz weiß es. Einen guten Menschen zeichnet aus, dass er immer weiß, zu wenig Gutes getan zu haben.

  2. Auf eigene Art einem Beispiel folgen, das ist Tradition. Ich habe euch immer darauf hingewiesen, dass die Aneignung von Bildung eine unerschöpfliche Lebensaufgabe ist. Nur allzu oft wird heute achtlos beiseite geschoben, dass Bildung bedeutet, aus etwas Grobem Feines zu formen und aus unmündiger Bereitschaft eine verantwortungsvolle Selbständigkeit zu ermöglichen. Bedenkt Goethes Worte aus dem West-östlichen Divan:

    Wer nicht von dreitausend Jahren
    Sich weiß Rechenschaft zu geben,
    Bleib im Dunkeln unerfahren,
    Mag von Tag zu Tage leben.

  3. Wir haben oft in den Religionsstunden darüber gesprochen, ob wir Gläubige, Agnostiker, Atheisten oder Gleichgültige sind. Ich habe euch nie verschwiegen, dass die letzten Worte Jesu am Kreuz:

    Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen! (Mk 15, 34)

    meine diesbezügliche Einstellung schon lange prägen. Ich bin mir sicher, dass keine Religion Gott erfassen kann. Der weite Horizont der Religion entsteht durch das Akzeptieren des Nicht-Wissen-Könnens. So ist auch das Christentum keine Religion des Wissens, sondern eine der Hoffnung, dass die Liebe das letzte Wort behalten wird, obwohl alles dagegen zu sprechen scheint. Ich glaube, wir können nicht klüger sein als der Sterbende am Kreuz.

  4. Jeder hat so viel Anfang. Jeder hat nur ein Ende. Ihr seid immer noch in der Phase des Anfangs. So viele Einflüsse, die auf euch einwirken, zerren heutzutage den Zauber des Anfangs in die Behäbigkeit routinierten Lebens und ersticken eure Lebensfreude in billigem Spaß. Bedenkt immer die Aufforderung des Apostels Paulus:

    Prüfet alles, das Gute behaltet! (1Thess 5, 21)

    Denn es besteht die Gefahr, dass das Leben zur Parodie unserer Träume wird. Unsere Gesellschaft scheint immer fester und unbeweglicher in den Klammergriff einer atemlos voranhetzenden Gegenwart ohne Ziel zu geraten. Bewahrt euch eure Individualität und lasst nie davon ab, klüger zu werden.

Natürlich weiß ich, dass wir öfter ernsthafter sein und mehr Lehrstoff durchnehmen hätten sollen, aber meine und eure Unvollkommenheit hat dies nicht zugelassen. *

In diesem Sinne schließe ich meinen letzten Text an euch und sage ausdrücklich noch, dass es mich freuen würde, ab und zu von euch eine E-Mail zu erhalten, um zu wissen, dass es euch gut geht, was ich euch von ganzem Herzen wünsche.

*


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