Ein Zeichen sind wir, deutungslos



Der der Athene heilige Steinkauz, athena noctua, ist ein nachtaktiver Vogel mit großen, runden Augen und kurzem, krummem Schnabel.

Gegen das Vergessen

Theodor W. Adorno* wies in seinem 1962 gehaltenen Vortrag Philosophie und Lehrer auf eine Selbstverständlichkeit hin, die heute keine mehr ist, nämlich dass Bildung überhaupt nur möglich sein kann, wenn man etwas Geistiges an sich herankommen lässt und es produktiv ins eigene Bewusstsein aufnimmt.

Beginnend mit einigen Aspekten, welche in der griechischen Antike, sowohl in der Philosophie als auch in der Literatur wie auch in der Kunst, herausgebildet wurden, sollen hier drei Problemkreise näher erörtert werden:
   •   Wie kam es dazu, dass der menschliche Geist seiner selbst immer gewisser wurde?
   •    Was bedeuten Körper, Geist, Individualität und persönliche Entscheidung?
   •    Wie fing es an, dass die Griechen sich den Göttern gegenüber als die Anderen verstanden?

Der Weg, den die griechische Philosophie einschlug, war auch dadurch gekennzeichnet, dass sie die Fülle des Gewonnenen mit der Summe des Verlorenen verglich. Denn jede Zunahme an begrifflicher Schärfe bedeutete einen Verlust an bildlicher Vorstellungskraft.

Es geht aber keineswegs darum, zu wirklichen oder eingebildeten Wurzeln zurückzukehren, wohl aber soll dem besinnungslosen Gegenwartstaumel des homo oeconomicus ein Halt zur Besinnung gezeigt werden.

Die Erfindung des Denkens

G.W.F. Hegel beschrieb die Herkunft seiner Zeit so: Die germanische Gedrungenheit hat es nötig gehabt, durch den harten Dienst der Kirche und des Rechts, die uns von Rom gekommen, hindurchzugehen und in Zucht gehalten zu werden. Erst dadurch ist der europäische Charakter mürbe und fähig gemacht für die Freiheit. Nachdem also die europäische Menschheit bei sich zu Hause geworden ist ..., so ist das Historische aufgegeben, das von Fremden Hineingelegte...* Diese Sicht Hegels ist nicht zuletzt deshalb bemerkenswert, da sie sich der geistigen Grundlagen als etwas Unumstößliches versichert. Sowohl die Römer als auch die Kirche schufen auf dem Erbe Griechenlands ihre je eigene Gestalt.

Die substantiellen Anfänge Griechenlands liegen in Asien, in Syrien und Ägypten. Die Griechen haben aber das ihnen Fremde dieses Ursprungs so sehr getilgt, es so umgewandelt, verarbeitet und ein Anderes daraus gemacht, dass das daraus Entstandene wesentlich das Ihrige wurde. Gleichsam undankbar haben sie den fremden Ursprung vergessen, in den Hintergrund gedrängt und in das Dunkel der Mysterien versenkt. * In ihren Dichtungen und Skulpturen gaben sie all dem eine neue Gestalt. Ihre Vorstellungen wurden Wort und Bild.

Nicht nur die Entstehung der Götter und Menschen haben sie sich vorgestellt, sondern auch die Herkunft des Feuers, des Ackerbaus, des Ölbaums, der Pferde, der Ehe, des Eigentums, der Gesetze der Künste, der Geschlechter der Fürsten. Dies alles ließen sie bei sich entstehen als ihre Werke, ihre Verdienste und ihre Schuld. In dieser Heimatlichkeit liegt der Keim der denkenden Freiheit und jenes Charakters, der zur Entstehung der griechischen Philosophie beitrug.

Die orientalische maßlose Kraft ist durch den griechischen Geist in Maß, Klarheit, Ziel und Beschränkung verwandelt worden. Die Größe der ägyptischen Pharaonen, das Prächtige und Reiche der persischen Kaiser erfuhr in der griechischen Welt, die über Stadtstaaten nicht hinaus kam, einen Widerpart. Dem Kolossalen der ägyptischen und orientalischen Phantasien trat eine einfache Welt gegenüber, welche das Individuum und seine Welt der Gedanken ermöglichte.



Orestes und Elektra *, 2. Jahrh. vChr, Museo Archeologico Nazionale di Napoli

Denken ist zunächst ein Fragen und Suchen nach Gründen und erweist seine Leistung gegenüber dem bloßen Meinen in der Bereitstellung von Gründen. Dazu kommt, dass es keine Veranlassung akzeptiert, den Prozess des Fragens und Suchens abzubrechen. In diesem Lichte definiert sich Religion als Sinn und Sehnsucht des Endlichen auf das Unendliche, weil das Endliche seine Grenzen nicht akzeptiert.

Homo Abyssus *


Jürgen Kramer: Butoh 1, 1990

Wenn Gott nicht existiert, schrieb der französische Philosoph des Existenzialismus, Jean-Paul Sartre (1905 – 1980), so finden wir uns keinen Werten, keinen Geboten gegenüber, die unser Betragen rechtfertigen. So haben wir weder hinter uns noch vor uns, im Lichtkreis der Werte, Rechtfertigungen oder Entschuldigungen. Wir sind allein... Der Existentialismus ist nichts anderes als eine Bemühung, alle Folgerungen aus einer zusammenhängenden, atheistischen Einstellung zu ziehen.*
Sartre zieht gewissermaßen einen radikalen Schlussstrich. Es gibt für den Menschen nichts, was ihn stützen oder rechtfertigen könnte. Denn alles, was er tut, baut er auf einer grundlosen Nichtigkeit seiner Existenz.

Nur scheinbar in ihren Mythen verhaftet war die Sicht der griechischen Philosophen: Im Fragment 78 formulierte Heraklit (535 – 475): „Menschliches Wesen hat keine Einsichten, göttliches aber wohl.” Einen Schritt weiter ging Xenophanes (570 – 480) im Fragment 18: „Nicht von Anfang an alles haben die Götter den Sterblichen offenbart, sondern suchend finden diese allmählich das Bessere.”

Doch an den Ursprüngen der griechischen Philosophie findet sich das Fragment des Anaximander (611 – 546), welches das erste Buch in griechischer Prosa ist, von dem wir wissen und das die tiefgreifende Trennung von Philosophie (Prosa) und Mythos (Lyrik) einleitete.

Dieses Fragment übersetzte Friedrich Nietzsche so: „Woher die Dinge ihre Entstehung haben, dahin müssen sie auch zu Grunde gehen, nach der Notwendigkeit. Denn sie müssen Buße zahlen und für ihre Ungerechtigkeit gerichtet werden, gemäß der Ordnung der Zeit“.


Roma, Museo Nazionale Romano: Dies ist das einzige derzeit bekannte Abbild des Anaximander aus der Antike

Dieser bemerkenswerte Text am Beginn der schriftlichen Niederlegung philosophischer Reflexionen wurde auf verschiedene Weise interpretiert.

Der Philologe Werner Jaeger (1888 – 1961) deutete Anaximanders Fragment als Ausdruck des für jeden Einzelnen unbedingt verbindlichen Rechts der griechischen Polis. Es handle sich demnach um einen juristischen Grundsatz.

Ganz anders interpretierte der Philosoph Martin Heidegger (1889 – 1976) diesen Text. Auf dem Hintergrund seiner Analyse der Seinsvergessenheit, zu der es kam, weil der Mensch sich im Alltag verloren hat, sieht er in diesem Fragment einen Hinweis auf die Wirrnis der Welt. Der Mensch ist auf dem Sprung, sich auf das Ganze der Erde und ihrer Atmosphäre zu stürzen, das verborgene Walten der Natur in der Form von Kräften an sich zu reißen und den Geschichtsgang seinem Planen und Ordnen zu unterwerfen. Der Grund des Seins ist in einer einzigen Vergessenheit verschüttet. Welcher Sterbliche vermag den Abgrund dieser Wirrnis zu erfassen? Man kann versuchen, vor diesem Abgrund die Augen zu schließen. Man kann ein Blendwerk hinter dem anderen errichten. Der Abgrund weicht nicht. Die Theorien über die Natur, die Lehren über die Geschichte lösen die Wirrnis nicht und verdecken den Abgrund. Heidegger sieht angesichts dieser Analyse nur eine Rettung. Wenn das Sein ins Letzte geht und die Vergessenheit, die aus ihm selbst kommt, umkehrt. Dies kann nur dann geschehen, wenn der Mensch erkennt, dass sein Wesen im Denken der Wahrheit des Seins beruht.

Psalm* 82, 5: Aber ihr seht nichts und ihr versteht nichts! Hilflos tappt ihr in der Dunkelheit umher und die Fundamente der Erde geraten ins Wanken.

Welchen Sinn hat das Reden über Gott in unserer Zeit, in welcher der Mensch sich selbst zum Maß aller Dinge gemacht hat? Dass der Mensch das Maß aller Dinge sei, findet sich bereits in einem Zitat des Protagoras (490 – 411) in Platons Dialog Theaitetos. Der neuzeitliche Mensch ist durch den Satz des Protagoras gekennzeichnet. Spätestens seit den Entdeckungen des Kopernikus sieht sich der Mensch aus dem Zentrum gefallen und muss sich seiner versichern. Um einem Fall ins Bodenlose zu entgehen, wurde der Mensch selbst zum Beziehungspunkt alles Seienden.

Friedrich Nietzsche zog aus dieser neuzeitlichen Entwicklung des Menschen den Schluss vom Tod Gottes:

Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken.
„Wohin ist Gott?“ rief er, „ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet – ihr und ich! Wir sind seine Mörder! Aber wie haben wir das gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht?
Müssen nicht Laternen am Vormittag angezündet werden? Hören wir noch nichts von dem Lärm der Totengräber, welche Gott begraben? Riechen wir noch nichts von der göttlichen Verwesung? – auch Götter verwesen! Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder?
Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besaß, es ist unter unsern Messern verblutet – wer wischt dies Blut von uns ab?*

In diesem Text kommt auch zum Ausdruck, dass Gott nicht mehr dort ist, wo er hingehörte, nämlich ganz oben, um von dort aus die Unterscheidung zwischen Oben und Unten und so eine Hierarchie der Werte zu ermöglichen. Ist Gott nicht oben und deshalb kein Gott mehr, dann entsteht die Frage, ob sich zwischen Oben und Unten überhaupt noch unterscheiden lasse, ob nicht alles richtungslos, orientierungslos und wertfrei werde?

Doch nicht Nietzsche war es, der als Erster vom Tod Gottes sprach. Fast zweitausend Jahre vor ihm ereignete sich jenes Geschehen, das im Christentum ein Mysterium stricte dictum* ist. Der Sohn Gottes stirbt am Kreuz und weiß sich von Gott verlassen.

Friedrich Hölderlin (1770 – 1843) deutet die Situation des Menschen als am Abgrund befindliche. Diese Düsternis wahrzunehmen sieht er als die eigentliche Wahrheit, deren sich der Mensch inne werden muss:

Ein Zeichen sind wir, deutungslos,
Schmerzlos sind wir und haben fast
Die Sprache in der Fremde verloren.
Wenn nämlich über Menschen
Ein Streit ist an dem Himmel und gewaltig
Die Monde gehen, so redet
Das Meer auch und Ströme müssen
Den Pfad sich suchen. Zweifellos
Ist aber Einer. Der
Kann täglich es ändern. Kaum bedarf er
Gesetz. Und es tönet das Blatt und Eichbäume wehn dann neben
Den Firnen. Denn nicht vermögen
Die Himmlischen alles. Nämlich es reichen
Die Sterblichen eh an den Abgrund. Also wendet es sich, das Echo,
Mit diesen. Lang ist
Die Zeit, es ereignet sich aber
Das Wahre.
*

Lange ist diese dürftige Zeit der Weltnacht. Die eigentliche Dürftigkeit besteht darin, dass der Mensch sie nicht wahrnimmt. Hölderlin meint, dass die Menschen eher als die Himmlischen in den Abgrund reichen. Nicht nur das Heilige ist in unserer Zeit als Spur zur Gottheit verloren, sondern der Mensch reicht immer mehr an den Abgrund heran, wohin ihn seine Weltvernarrtheit treibt. Dürftig bleibt die Zeit nicht nur, weil Gott tot ist, sondern weil die Sterblichen ihre eigene Sterblichkeit nicht wahrnehmen. Der Tod entzieht sich, das Geheimnis des Schmerzes bleibt verhüllt, die Liebe bleibt fremd.

Falls es uns gelingt, in dieser unserer dürftigen Zeit den Dichtern zuzuhören und nicht bloß der Wissenschaft die Deutungshoheit über alles zu überlassen, machen wir den ersten Schritt aus der Kläglichkeit unserer Weltdeutung.

Rainer Maria Rilke *

XIX


Wandelt sich rasch auch die Welt
wie Wolkengestalten,
alles Vollendete fällt
heim zum Uralten.

Über dem Wandel und Gang,
weiter und freier,
währt noch dein Vor-Gesang,
Gott mit der Leier.

Nicht sind die Leiden erkannt,
nicht ist die Liebe gelernt,
und was im Tod uns entfernt,

ist nicht entschleiert.
Einzig das Lied überm Land
heiligt und feiert.


Jean-Baptiste Camille Corot, 1796 – 1875, Orpheus & Eurydike

   
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