Vorwort

In dieser imaginären Galerie werden in unregelmäßigen Abständen Bilder präsentiert, welche mir im Lauf der Jahrzehnte ans Herz gewachsen sind. Diese private Auswahl erhebt keinen weiteren Anspruch.

Das Wort Galerie geht höchstwahrscheinlich auf das in der Renaissance gängig gewordene galleria zurück, womit man zunächst einen Säulengang und später auch die darin befindliche Gemäldesammlung bezeichnete. Vermutlich leitet sich der Begriff vom spätlateinischen galilea her, so nannte man die Vorhalle einer Kirche. Diese Bezeichnung fundiert höchstwahrscheinlich auf der römischen Provinz Galilea, welche sich in Palästina befand. Im Neuen Testament gilt diese Provinz als heidnisch. Deshalb bezeichnete man in Rom den Aufenthaltsort der Ungetauften in der Vorhalle der Kirchen nach dieser Provinz.

Die Kunstgeschichte bedenkt alle Schichten, welche die Zeitläufte geschaffen haben. Und es kommen immer neue Schichten hinzu. Der kluge Mensch bedenkt das Geschicht, welches unter seinem Boden liegt, auf dem er sich befindet. Je tiefer seine Reflexionen hinabreichen in die unergründlichen Schichten dessen, was außerhalb und unterhalb der körperlichen Grenzen liegt, desto nachdenklicher und tiefgründiger wird sein Leben. Große Maler wussten nie so recht, wer sie waren, oder vielmehr wussten sie es auf eine tiefere, genauere Weise, weil sie Vergangenheit mit aufnahmen. In ihren Spuren gingen sie und schufen eine große Gegenwart. Nach wie vor gilt, dass der Künstler nur dann etwas schafft, was er vor sich sieht, wenn er auch etwas in sich sieht.

Als einheitliche Praxis, als Institution, als Eigendynamik hat sich die Malerei offenbar überlebt.

Der heutige Kunstbetrieb stellt Postulate auf, im Vordergrund stehen Tabubrüche, Konzeptkunst, Installationen oder Darstellungen ohne jeden Tiefgang. Vielfach stehen für politisch gehaltene Aussagen im Vordergrund. Identitäts-Tobsucht dominiert und wird zum Echoraum des Banalen. So wird das Billige und das Abgedroschene zum Territorium vieler Künstler der Gegenwart. Ein trauriges Beispiel bieten jene, welche für den österreichischen Pavillon auf der Biennale 2022 in Venedig von einer Jury ausgewählt wurden. Ihre Selbstdarstellungen und vulgären Sichtweisen sind zwischen Vagheit und Trivialität einzuordnen.

Sehr oft entsteht schlechte Kunst aus den besten Absichten. Diese sind allerdings zu wenig. Der unsägliche Begriff Selbstbestimmung rechtfertigt für viele ihre Egozentrik. Diese ist meist jämmerliche Selbstgenügsamkeit. Schaffenskraft für stets neu zu Ergründendes geht verloren. Sehr oft treten Mainstream-Ideologien an die Stelle eigenständiger Sichtweisen. Doch niemand sollte auf die Autonomie seiner Wahrnehmung verzichten.

Das Mitreißende einer Darstellung entwickelt im Betrachter eine Wirksamkeit, lebendig zugegen zu sein. In solchen Wahrnehmungen rücken uns die Dinge auf den Leib. Als Betrachter ist man gleichzeitig ein Offener und Begrenzer. Große Kunst bewirkt ihre Unwiderstehlichkeit aus den tiefgreifenden Effekten ihrer Form. So dient die Kunstgeschichte der Kunde vom Menschen.

1986 meinte Gerhard Richter: „Ich sehe mich als Erben einer ungeheuren, großen, reichen Kultur der Malerei, der Kunst überhaupt, die wir verloren haben, die uns aber verpflichtet. Und da ist es nicht leicht, nicht zu restaurieren oder, was genauso schlimm wäre, nicht zu resignieren, nicht zu verkommen.“

Ebenfalls 1986 äußerte er sich folgendermaßen: „Die plausible Theorie, dass meine abstrakten Bilder ihr Motiv während der Arbeit entwickeln, was einerseits zeitgemäß ist, weil es kein zentrales Weltbild mehr gibt, also wir uns, ausgesetzt auf einer Müllhalde, ohne Mitte, ohne Sinn, alles selbst erarbeiten müssen, mit diesem fortschrittlichen Zustand einer bisher ungekannten Freiheit klarkommen müssen, diese Theorie ist so unnütz wie lächerlich, wenn ich schlechte Bilder male.“

Als man Gerhard Richter 2002 anläßlich seiner triumphalen Ausstellungen in den USA fragte, wie er verstanden werden wollte, antwortete er: „ Vielleicht doch als Hüter der Tradition. Das ist mir lieber als alle sonstigen Missverständnisse.“

Voltaire, 1694 bis 1778, beschloss seinen Diskurs Sur la nature du plaisir mit folgenden Sätzen:

Glücklich, wer bis zum Ende seines Lebens verliebt in schöne Künste,
deren Früchte pflegen kann.
Er widersteht dem Unrecht, seinen Ärger dämpft er.
Er vergibt den Menschen und lacht über ihre Narrheit.
Und mit sterbender Hand streift er seine Lyra.¹

Dem ist nichts hinzuzufügen.




1) Zitiert nach Kurt Flasch: Voltaire gegen Pascal, Vittorio Klostermann 2020, S.276


   
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